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Was Lunacek über Handke sagen darf

APA/HANS KLAUS TECHT
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Gerhard Ruiss, Chef der IG Autoren, kritisiert die Kunststaatssekretärin: Seine Argumente sind absurd – und autoritär.

Ist die Äußerung Ulrike Lunaceks in einem „Kurier"-Interview, sie könne die Nobelpreisentscheidung für Handke „nicht nachvollziehen“, ein Versuch, „die Freiheit der Kunst zu steuern“, wie der Vorsitzende der IG Autoren, Gerhard Ruiss, in einem offenen Brief behauptet?

Abgesehen von der Frage, ob man eine Freiheit steuern kann: Wie hätte die Grünen-Politikerin Lunacek das versucht? Laut Ruiss, indem sie einen „zentralen Bestandteil der Freiheit der Kunst“ antastete: die Unabhängigkeit von Jurybeschlüssen.

Das freilich setzt nicht nur voraus, dass die Schwedische Akademie sich von der Meinung einer österreichischen Kunst- und Kulturstaatssekretärin beeinflussen lässt. Sondern auch, dass eine bereits erfolgte unabhängige Juryentscheidung durch nachträgliche Kritik abhängig werden kann. Was zu Diskussionen über die Natur der Zeit und Parallelwelten reizt. Dass die Nobelpreisjuroren unter Einfluss Lunaceks Handke den Preis wieder wegnehmen werden, ist auch nicht anzunehmen.

Was meint Ruiss mit „Respekt"?

Dann noch die Frage des Respekts. Kulturpolitik sei, so Ruiss, „gut beraten, Entscheidungen von unabhängigen Jurys zu respektieren“. Wer sie „nachträglich missbilligt“, tut das ihm zufolge nicht. Was meint Ruiss mit Respekt? Respekt könnte hier zum Beispiel bedeuten, die Mitglieder der Schwedischen Akademie nicht zu beschimpfen oder zu bedrohen, Handke nicht die Medaille aus der Hand zu reißen. Von Respekt vor der Justiz sprechen wir, wenn wir eine Gerichtsentscheidung nicht einfach für nichtig erklären.

Aber wir können sagen, dass wir sie schlecht finden. Wie so oft, wenn heute von „Respekt“ die Rede ist, ist in Wahrheit gemeint: Kritisiere nicht! Eine erstaunliche Renaissance hat dieses Wort erlebt. Einst meinte es vor allem Gehorsam gegenüber Autoritäten, die 68er rannten erfolgreich dagegen an. Jetzt ist es, befördert durch englischsprachige Einflüsse, wieder da. „Respect“ meint eigentlich die grundsätzliche Achtung vor einem anderen Wesen – gebraucht wird es immer mehr, um Kritik an Verhaltensweisen und Meinungen zu verhindern.

Übrigens gern im Namen einer Freiheit. Wie in diesem Fall.