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Gastkommentar

Wo bleibt die Bevorrechtung der Burgenlandkroaten?

Das zähe Ringen der Burgenlandkroaten um den Erhalt von Sprache und Kultur.

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Minderheit hat das Recht auf Bevorrechtung“, zitierte Janko Ferk in einem Gastbeitrag in der „Presse“ (11. 1.) Bruno Kreisky. Auch bei den Burgenlandkroaten keimt Hoffnung auf, wenn man den Teil des Regierungsprogramms, die autochthonen Volksgruppen betreffend, als Umsetzungsplan für die begonnene Regierungsperiode betrachtet. Seit Jahrzehnten sind zum ersten Mal konkrete Maßnahmen definiert, die den Erhalt von Sprache und Kultur der Volksgruppe absichern sollen. Besonders wichtig ist das Bekenntnis zur Sicherung, Weiterentwicklung und Finanzierung der Medien. Leider ist eine offene Wunde der Burgenlandkroaten im Regierungsprogramm mit keiner Silbe erwähnt: die offenen Minderheitenrechte der in Wien lebenden Angehörigen der Volksgruppe.

Mittlerweile leben ebenso viele burgenländische Kroaten in Wien wie im Burgenland (ca. 18.000 bis 19.000). Für sie gelten die Verpflichtungen aus Staatsvertrag, Verfassung und EU-Charta derzeit nicht bzw. diese werden nicht erfüllt, weil sich die Bestimmungen nur auf das Gebiet des Burgenlandes beziehen. Die Minderheitenrechte sind daher auch auf die in Wien lebenden Burgenlandkroaten auszuweiten. Analog zum Burgenländischen Schulgesetz 1992 ist ein Gesetz für Wien erforderlich, das die Errichtung und den Betrieb von Bildungseinrichtungen für die Burgenlandkroaten in Wien regelt. Vom Kindergarten bis zur Matura sollten diese Bildungseinrichtungen bilingual organisiert werden, mit dem Ziel, auch Kinder und Schüler deutscher Muttersprache zu rekrutieren. Ein organisatorisches Vorbild und Modell könnte der Komensky-Schulverein sein, die Bildungseinrichtung für die autochthone tschechische und slowakische Volksgruppe in Wien.

Mangelnde Identifikation und Gleichgültigkeit gegenüber Herkunft und Wurzeln führte dazu, dass die kroatische Sprache immer weniger von kroatischen Familien gesprochen wird. Die seit Jahrzehnten rückläufigen Zahlen der Schüler und Kindergartenkinder untergraben die Forderungen nach Infrastruktur und Personal. Es ist wenig erfolgversprechend, von der Politik Ressourcen und Budgeterhöhungen einzufordern, wenn nicht der Nachweis erbracht werden kann, wie die Nutzung nachhaltig gewährleistet wird! Und dieser Nachweis wird immer schwieriger, wenn das Erlernen der kroatischen Sprache vom Kindergarten an für die Eltern immer weniger wichtig und wert wird.

Volksgruppe ist auch gefordert

Bedenkt man, dass mehr Angehörige der burgenlandkroatischen Volksgruppe in Staat und Wirtschaft gute Karriere gemacht haben, als es dem Bevölkerungsanteil entspricht, könnte man von jenen eine weit größere Identifikation mit der Volksgruppe und Engagement für deren Ziele erwarten. Es scheint, dass höhere Bildung bzw. Ausbildung weniger Interesse für die Anliegen der Volksgruppe zur Folge haben. Nur eine Minderheit dieser Gruppe betreibt eine aktive Sprachförderung innerhalb ihrer Familie, sodass ihre Kinder bilingual aufwachsen können.

Die Einführung einer eigenen burgenländischen Standardsprache hat sich nicht bewährt, es gibt auch kaum Literatur. Im Kontakt mit unserem Nachbarstaat Kroatien ist das Burgenländisch-Kroatisch nur bedingt anwendbar, keinesfalls im geschäftlichen Verkehr. Die kroatische Standardsprache findet bisher keine Akzeptanz.

Was ist also zu tun? Eine breite Diskussion und eine Entscheidung über die Standardsprache müssen beginnen. Dazu eine Mobilisierung und Sensibilisierung der Angehörigen der Volksgruppe in Wien und im Burgenland – und die Planung der erforderlichen Bildungseinrichtungen von der Vorschule bis zur Matura.

Dipl.-Ing. Peter Linzer (* 1944 in Oberpullendorf) stammt aus einer burgenländisch-kroatischen Familie. Er studierte Maschinenbau und Betriebswissenschaften an der TU Wien, war als IT-Manager tätig; seit 2010 in Pension.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2020)