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Filmkritik

„Die Wütenden“: Mit der Polizei durch die Banlieue von Paris

Ein schlechter Tag im Problemviertel: Der Roma-Zirkus wurde bestohlen. Und wenn „Zigeuner schlecht drauf sind“, wird's gefährlich, weiß die Polizei.
Ein schlechter Tag im Problemviertel: Der Roma-Zirkus wurde bestohlen. Und wenn „Zigeuner schlecht drauf sind“, wird's gefährlich, weiß die Polizei.(c) Wild Bunch Germany
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Bandenkriege, Rassismus, Übergriffe – und dann wird auch noch ein Löwe gestohlen: Der französische Oscar-Kandidat „Die Wütenden“ folgt einer Polizeistreife durch die Problembezirke von Montfermeil. Das erschütterte sogar Macron.

In Frankreich brodelt es. Spätestens seit die Gelbwestenbewegung auf die Barrikaden stieg, stehen die sozialen Spannungen im Mittelpunkt öffentlicher Debatten. Der Aufruhr hat Geschichte: 2005 führte der Tod zweier Jugendlicher zu gewalttätigen Ausschreitungen in Pariser Vororten. Und die laufenden Streiks gegen Emmanuel Macrons Rentenreform wirken wie eine Fortführung früherer Aufmerksamkeitskämpfe.

Freilich lassen sich diese Ereignisse nicht in einen Topf werfen. Doch im Verbund zeugen sie von Problemen, die einer überfälligen Wurzelbehandlung harren. Das französische Kino nimmt sie nun verstärkt in den Blick. Unlängst bei uns zu sehen war Stéphane Brizés „Streik“, in dem Vincent Lindon als aufbrausender Gewerkschaftsführer für die Arbeiter einer Autofabrik ficht. Nun läuft mit „Die Wütenden“ der nächste französische Empörungsfilm. Auch er hatte im Cannes-Wettbewerb Premiere – sticht allerdings ins Wespennest der Banlieues.

Der Verleih scheint sich dafür zu schämen: Sein Filmposter ziert die unspezifische Rückenansicht einer fahnenschwingenden Menschenmenge vor dem Arc de Triomphe. Die Ironie: Bei der Momentaufnahme handelt es sich gar nicht um aufgebrachte Protestmassen, sondern um begeisterte Fußballfans, die Frankreichs WM-Sieg anno 2018 bejubeln.

 

Sind das etwa keine Franzosen?

Mit diesem Freudenfest beginnt „Die Wütenden“. Gedreht wurde mittendrin, die semidokumentarische Tuchfühlung ist Programm. Im Bild tummeln sich Menschen migrantischer Herkunft, die jedes Tor ausgelassen feiern. Die Botschaft ist klar: Sind das etwa keine Franzosen?

Doch die Euphorie währt nur kurz. Schnell wendet sich der Film ihren Kehrseiten zu. Und schickt uns mit einem ungleichen Kieberer-Trio auf Streife durch die Problembezirke Montfermeils. Gwada (Djibril Zonga) ist der Ruhepol. Er ist hier aufgewachsen, will für Ordnung sorgen. Sein jähzorniger Partner Chris (Alexis Manenti), der aussieht, als hätte Sheldon aus „Big Bang Theory“ zu viele Steroide genommen, schwingt lieber die Autoritätspeitsche („Das Gesetz bin ich!“). Neu im Team: Grünschnabel Stéphane (Damien Bonnard, einer der wenigen Profischauspieler im Ensemble). Der Erfahrungsmangel steht ihm ins karierte Hemd geschrieben. Bald zittert sein Moralkompass wie der von Ethan Hawke in „Training Day“.

An der Seite dieses leicht reizbaren Trüppchens cruist man durch einen pulsierenden Mikrokosmos, der von Zweckgemeinschaften im Zaum gehalten wird. Früher war hier ein Drogenviertel, doch die Muslimbrüder haben „aufgeräumt“, wie es heißt. Trotzdem bleibt der ethnische Schmelztiegel ein Pulverfass. Unter der Hand kassiert ein schwarzer „Bürgermeister“ Geld vom Staat, um zwischen feindseligen Parteien zu vermitteln – aber er hasst die Bullen wie die Pest. Und heute ist ein besonders schlechter Tag. Denn irgendwer hat ein Löwenbaby aus dem Roma-Zirkus geklaut. Und wenn „Zigeuner schlecht drauf sind“, wird's gefährlich, meint Chris.

 

Pfeifen auf Political Correctness

Dieser Film pfeift auf Political Correctness, schmeißt mit Wörtern wie „Schwuchtel“ und „Nigger“ um sich – und skizziert Polizeiarbeit als Grauzone, in der Übergriffe zum Tagesgeschäft gehören. Allerdings tut er das nicht, um seine Protagonisten zu diskreditieren. Vielmehr will er ein authentisches Sittenbild zeichnen. Und dazu gehören Rassismus, Machtmissbrauch und testosteronschwangere Hahnenkämpfe ebenso wie Skrupel und Verhandlungen.

Regisseur Ladj Ly stammt selbst aus Montfermeil. Als Schauplatz in Victor Hugos „Les misérables“ (so auch der Originaltitel dieses Films) erlangte die Gemeinde Bekanntheit, 2007 drehte Ly dort seine erste Doku. Sein Spielfilmdebüt wurde zum Teil vor Ort besetzt, es begegnet jeder Figur auf Augenhöhe. Was meist eher lebhaft als bedrohlich wirkt. Und er verzichtet über weite Strecken auf den kopfschüttelnden Gestus bürgerlicher Sorgenfaltenfilme.

Stéphane bildet zwar den moralischen Anker, aber für alle Seiten wird ein Mindestmaß an Verständnis aufgebracht. (Wobei: Manche steigen besser aus als andere, und Frauen haben hier nicht wirklich mitzureden.) Bis zu dem Punkt, an dem ein Kind zwischen die Fronten gerät. Dann kippt Ly seine Genrefassade und hebt zur großen Klage an: Wer leidet wirklich unter sozialen Missständen? Die Schwächsten. Kein Wunder, wenn sie irgendwann die Nase voll haben. Und sich zur Wehr setzen.

Diesen didaktischen Zug kann man dem Film ankreiden, doch seine Wucht schmälert er nur bedingt. In Frankreich schlug „Die Wütenden“ ein wie einst Mathieu Kassovitz' geharnischte Milieustudie „La Haine“ (1994) – und hat es mittlerweile zu einer Auslandsoscar-Nominierung gebracht. Sogar Frankreichs Staatschef, Emmanuel Macron, zeigte sich „erschüttert“ von seiner Schilderung sozialer Missstände – und kündigte baldige Gegenmaßnahmen an. Fragt sich nur, ob es nicht zu spät ist.

Auslandsoscar

Nominierungen. Neben „Die Wütenden“ haben vier weitere Filme eine Chance auf den Oscar der Kategorie „Bester internationaler Film“: Pedro Almodóvars autobiografisch geprägtes Drama „Leid und Herrlichkeit“ (Spanien) mit Penélope Cruz und Antonio Banderas; die Wildimker-Doku „Land des Honigs“ (Nordmazedonien); Jan Komasas „Corpus Christi“ (Polen) über einen jungen Straftäter, der sich als Priester ausgibt; und Bong Joon-hos Gesellschaftssatire „Parasite“ (Südkorea), die auch als Bester Film nominiert ist. Österreichs Kandidat „Joy“ von Sudabeh Mortezai wurde vorzeitig disqualifiziert, weil er mehrheitlich auf Englisch sei.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.01.2020)