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Von Lerntagebuch bis Rollenspiel

Live-Rollenspiele wie „Scarbantia“ des Vereins 1000 Atmosphären können auch zur Vertiefung von Lerninhalten dienen.
Live-Rollenspiele wie „Scarbantia“ des Vereins 1000 Atmosphären können auch zur Vertiefung von Lerninhalten dienen.(c) 1000 Atmosphären
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Nicht nur was, auch wie gelehrt wird, ist durch das allgegenwärtige Internet infrage gestellt. In der Ausbildung von Pädagogen wird daher auch auf neue Lehrmethoden gesetzt.

Lernen findet heute unter massiv geänderten Vorzeichen statt. Durch die Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit von Informationen im Internet haben sich die Prioritäten von der Aneignung von Fakten hin zur Aneignung von Fähigkeiten verschoben. „Kritisches Denken, Problemlösungskompetenz, Kommunikation, Kooperation, Konfliktfähigkeit sowie ein internationales Mindset und Problembewusstsein für globale Herausforderungen“ bezeichnet Josef Weißenböck, Leiter des Zentrums für innovatives Lehren und Lernen der FH St. Pölten, als „21st Century Skills“. Die FH St. Pölten hat ein mit dem österreichweiten Lehrpreis Ars Docendi ausgezeichnetes interdisziplinäres Projektsemester, „iLab“, ins Leben gerufen. 30 Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen arbeiten dabei ein Vollzeit-Semester gemeinsam mit internationalen Gaststudierenden an innovativen Lösungen rund um das Thema „Nachhaltigkeit“ Die Arbeitssprache ist Englisch. Für die „Prüfung“ innerhalb des iLab werden, unterstützt durch die Lehrenden, individuelle Lernziele formuliert; es gibt mit den einzelnen Studierenden und für die Arbeitsgruppen Feedback- und Evaluationsrunden; es entsteht ein begleitendes Portfolio, in dem der Lernprozess reflektiert wird und konkrete Ergebnisse sichtbar gemacht werden; die Projekt-zwischen- und Endergebnisse werden im Team präsentiert. Laut Weißenböck steht am Ende eines solchen Semesters ein signifikanter Gewinn an Kompetenzen.

 

Portfolios und Lerntagebücher

Portfolios scheinen allgegenwärtig zu sein, wo auf modernes Lernen Wert gelegt wird. Am St. Pöltener Tag der Lehre im Herbst 2019 wurde Portfolio-Arbeit am Beispiel der Ausbildung von Deutschlehrern vorgestellt, und zwar in Kombination mit „Learning Diaries“. Katrin Geneuss von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), wendet diese Methoden etwa in einem Kurs für Dramapädagogik bei Lehramtsstudierenden an. Die – oftmals erstmalige – Bekanntschaft mit dramapädagogischen Verfahren bedeute für Studierende das Aufbrechen bestehender Perspektiven und Hinterfragen von Haltungen. Um diesen Prozess lernwirksam zu dokumentieren, zu reflektieren und für den eigenen künftigen Unterricht nutzbar zu machen, legen die Studierenden ein Lerntagebuch an, in dem sie während der Sitzungen ihre Gedanken zu den Übungen grob skizzieren und später nachbereiten. Diese sehr subjektive Aufgabe werde durch ein Portfolio ergänzt, das alle Studierenden mit den gleichen Anforderungen konfrontiere. „Hier geht es durchaus darum, wissenschaftlich zu arbeiten. Zusätzlich soll man auf sein Lerntagebuch zurückgreifen, die erlebten Übungen mit der Sekundärliteratur vergleichen und überlegen: Was passt zu mir als Lehrperson. Welche Übungen finde ich nicht nur für die Schüler sinnvoll, sondern auch für mich?“

Spezielle Präsenz der Studierenden fordert eine Lehrmethode, die Olivia Fischer, Didaktikerin an der Pädagogischen Hochschule Wien anwendet: die für die Hochschulbildung relativ neue Methode des Liverollenspiels (larp, live action role play).

 

Gelerntes spielerisch leben

Sogenannte Edularps binden Lerninhalte in eine dramaturgische Rahmenhandlung ein. Das Erleben einer fiktiven Rolle (ähnlich dem Improvisationstheater) und die dabei entstehenden Emotionen machen das Lernen nachhaltiger. Dadurch können neben dem Lernstoff auch kommunikative oder Problemlösungs-Kompetenzen trainiert werden. „Es gibt eine Schule in Dänemark, die ihre gesamten Curricula rund um Edularps ausgerichtet hat. Wenn es zum Beispiel um das römische Reich geht, kann man mit germanischen Sklavenhändlern sprechen und übt dabei die Fremdsprache Deutsch. Um die Wasserversorgung Roms sicherzustellen, müssen die Schüler mit trigonometrischen Funktionen umgehen. Es werden soziale Dilemmata im Senat geklärt und so weiter.“

Im Grunde nicht mehr erwähnt werden muss im 21. Jahrhundert die Notwendigkeit, im Unterricht mit den sogenannten Neuen Medien zu arbeiten – weniger, um Schüler oder Studierende im Umgang damit zu schulen, sondern weil mit neuen Technologien auch eine andere Art von Erkenntnisgewinn verbunden ist. Neben dem Einsatz von Virtual Reality oder Apps können Videospiele in die Lehre integriert werden. Man müsse nicht unbedingt Gamer sein, um mit Videospielen zu unterrichten, sagt Stefan Rabitsch, Forscher am Institut für Amerikanistik der Uni Graz. Zusammen mit dem Amerikanisten und Medienwissenschaftler Michael Fuchs arbeitet Rabitsch an einem Lehrbuch für den Einsatz von Videospielen im Schulen und Hochschulen. „Videospiele sind ein komplexes Medium, das viele Kompetenzen erfordert, vom räumlichen und logischem Denken bis hin zu der vielerorts verlangten Medienkompetenz. Kultur- und Sprach- sowie Leseverständnis im weiteren Sinne kommen bei Videospielen auch nicht zu kurz“, sagt Rabitsch, aus dessen Sicht der Unterricht mit Videospiele zentraler in der Sekundär- und Tertiärstufe verankert sein sollte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.01.2020)