Ende eines bayerischen Preußen

Porträt. Edmund Stoiber verspielte seine fast absolutistische Macht.

Franz Josef Strauß ließ seinen Adlatus, Spitzname "Blondes Fallbeil", bei nächtlichen Gelagen lieber zu Hause: "Der Edi sauft net, frisst net, vögelt net." Als zu Edmund Stoibers 60. Geburtstag eine leicht geschürzte "Miss Bayern" aus der Torte hüpfte, entschlüpfte Günther Beckstein das Bonmot: "Dem Edmund wäre eine dicke Akte lieber als eine schlanke Nackte." Dass sich in seinem Maßkrug oft nicht Gerstensaft, sondern Mineralwasser oder Kamillentee befand, ist keineswegs eine Legende.

Seine Mutter, eine gebürtige Rheinländerin, impfte ihm die Bewunderung für Konrad Adenauer ein, den ewigen Kanzler der Nachkriegszeit. Im sinnesfrohen Bayern wirkte der "Einser-Jurist" eher wie ein Asket: In der Tracht der Gebirgsschützen samt Gamsbart steckte ein Fremdkörper. Doch mit Amtsdauer gefiel es ihm zunehmend, zum Auftakt des Oktoberfests in Festtagstracht durch die Stadt zu kutschieren.

Den Besuch Papst Benedikts XVI. im vorigen September empfand der stolze Landesvater überhaupt als Höhepunkt. Er gerierte sich wie ein Monarch. Da war er bereits - mit einer Zweidrittelmehrheit im Rücken und einem Wahltriumph von 60 Prozent - den Niederungen entstiegen, umgeben von Ja-Sagern.

Der Ministerpräsident nahm absolutistische Züge an, unangenehme Nachrichten drangen nicht mehr zu ihm durch. Die Fehleinschätzung der Stimmung im Land hat ihn schließlich auch den Kopf gekostet. Gegen die Eigendynamik der Ereignisse der vergangenen Wochen war Stoiber trotz hartnäckigen Widerstands machtlos.

Dabei hat er fast alles von seinem Mentor Strauß gelernt: den politischen Urinstinkt, den Hang zu Populismus und Demagogie, die nicht immer sauberen Techniken der Macht - nur nicht das rhetorische Talent. "Stammel-Ede" nannten ihn Spötter.

Mit einer Extraportion Fleiß und preußischer Disziplin hat er sich zu Beginn der Karriere die Anerkennung des CSU-Patriarchen erworben. Als Generalsekretär gab er den Beißhund, den Scharfmacher, dessen Polemiken über politische Gegner den Rest der Republik regelmäßig aufjaulen ließen.

Nach und nach stieg seine Reputation - und seine Macht innerhalb der CSU. Als Chef der Staatskanzlei machte er sich unverzichtbar, als Innenminister handelte er sich das Image eines Hardliners ein. Und als er 1993 nach dem erzwungenen Rücktritt des Strauß-Nachfolgers Max Streibl nach der Macht in München griff, schreckte er vor schmutzigen Methoden gegen seinen Konkurrenten Theo Waigel nicht zurück.

Zielstrebig baute er seine Heimat zum Vorzeige-Bundesland Deutschlands auf, zum Standort der Hochtechnologie, die er mit Staatsmitteln auch kräftig fütterte. In beinahe allen Kategorien rangiert Bayern an erster Stelle: beste Wirtschaftsdaten, beste Universitäten, geringste Verschuldung.

Doch bald reichte es ihm nicht mehr, nur in Bayern die Nummer eins zu sein. Seine Vasallen drängten den notorischen Zauderer 2002, als Spitzenkandidat der Union gegen Kanzler Schröder anzutreten. CDU-Chefin Angela Merkel überließ ihm beim denkwürdigen "Wolfratshausener Frühstück" gezwungenermaßen den Vortritt.

Am Wahlabend des 22. September 2002 sah Stoiber noch wie der Sieger aus. Doch über Nacht wendete sich das Schicksal, und am nächsten Morgen wachte der Kandidat als Verlierer auf. Seither schlug er alle Angebote für einen Wechsel aus: Er hätte Bundespräsident werden können oder auch EU-Kommissionspräsident.

In München stellte er unterdessen unter Beweis, dass er womöglich der bessere Kanzler als Schröder gewesen wäre. Gegen alle Bedenken peitschte er seinen Reformkurs durch, so dass viele aufatmeten, als der Taktiker - nach langem Zögern - im Herbst 2005 seinen Wechsel nach Berlin in ein Kabinett Merkel ankündigte.

Sein schmählicher Rückzug aus Berlin nach dem Rücktritt des SPD-Chefs Müntefering am Allerheiligentag besiegelte sein Schicksal. Seine Landsleute verziehen ihm die Rochade nicht. Es war der Anfang vom Ende seiner politischen Karriere, die ihn nur beinahe bis an die Spitze brachte. Am Ende nervte der Quälgeist als Pedant und störrischer Besserwisser Parteifreunde wie Gegner.

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