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Bachmann-Preis: "Wohlfeile Grobschlächtigkeit"

(c) APA (Sarah Schlatter)
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Am Mittwochabend beginnen in Klagenfurt die 34. „Tage der deutschsprachigen Literatur“. Wird die literarische Risikobereitschaft weiter sinken?

Wäre es nicht angezeigt, die „Tage der deutschsprachigen Literatur“, vulgo Bachmann-Preis, in „Literaturinstitut-Leipzig-Nachwuchs-Wettbewerb“ umzubenennen? Wenn am Mittwochabend Sibylle Lewitscharoffs „Elfte Klagenfurter Rede zur Literatur“ den Prolog zum 34. Wettlesen am Wörthersee liefert, werden von den 14 antretenden literarischen Gladiatoren fünf ihre Ausbildung in der sächsischen Poetenschule gemacht haben. Zwei weitere beim diesjährigen Dichterwettstreit teilnehmende Kandidaten haben ihre Bleistifte in anderen Schreibschulen gespitzt. Die Hälfte der sich diesmal im Klagenfurter ORF-Theater der siebenköpfigen Jury stellenden Literaten sind somit Profis und nicht so literarische Dilettanten wie etwa Ingeborg Bachmann oder Robert Musil.

Die Frage, wie es denn käme, dass immer mehr Schreibwillige aus den beständig mehr werdenden literarischen Fachhochschulen auf den Literaturmarkt geschwemmt würden, weiß die Universitätsangehörige und ehemalige Bachmann-Preis-Jurorin Daniela Strigl mit einem wachsenden Sicherheitsbedürfnis zu erklären. Um Aufnahme in einer dieser „Creative-Writing-Schools“ zu finden, sei Talent erforderlich, so Strigl. Dortselbst werde man dann darauf gedrillt, Texte richtig zu bauen. Das verschaffe den solcherart Ausgebildeten einen Wettbewerbsvorteil. Das Surplus besteht vor allem darin, überforderten Literatur-Scouts, Übersetzern und Verlagslektoren aufwendige Entdeckungsreisen durch Literaturzeitschriften oder ähnliches Letterngestrüpp zu ersparen sowie Literaturkritikern und Juroren, sich auf Texte einlassen zu müssen, die nicht marktgängig sind.

Ein garstig Lied davon weiß die österreichische Autorin Andrea Winkler zu singen. Hat sie doch im Vorjahr mit ihrem vom Mainstream abweichenden Text „Aus dem Gras“ Verständnislosigkeit in der Jury ausgelöst. Damit aber habe sich der Bewerb insgesamt demaskiert, meint sie sinngemäß ein Jahr danach. „Was ich dieser Veranstaltung zugutehalten muss“, sagt sie im Gespräch mit der „Presse“, „ist, dass sie wenig Hehl aus ihrer wohlfeilen Grobschlächtigkeit macht. Ich wusste, worauf ich mich einlasse, und sehe keinen Grund für öffentliches Jammern. Zu hoffen bleibt, dass Ingeborg Bachmann gut schlief, während der Schriftsteller und Juryvorsitzende Burkhard Spinnen in seinem sonntäglichen Abschluss-Statement aus dem Titel einer ihrer Reden einen hübschen Werbetext bastelte, etwa: Jaja, Freunde, wir alle haben kein Problem, uns ist die Wahrheit zumutbar. Hoffentlich schlief sie gut, denn hätte sie sich während dieser Rede im Grab umgedreht, würde die Firma Klagenfurt und Co. ihr das womöglich als Pathos oder Überempfindlichkeit auslegen oder aber ausrufen: Was für eine hermetische Handlung, ich verstehe gar nichts.“

Werbetexte. Ein gutes Stichwort. Denn das ist die Gefahr, nicht nur beim literarischen Schaukampf in Klagenfurt, der stets Symptom für die Entwicklung im Literaturbetrieb war. Zur Kommerzialisierung beigetragen hat – trotz ihrer satirischen Ausrichtung – vielleicht auch die Unterwanderung des Bachmann-Preises durch das Internet-Portal „Riesenmaschine“. Als 2006 die von Daniela Strigl an den Wörthersee geholte Kathrin Passig auf der obersten Stufe des Podests stand, war erstmals ein Text prämiert worden, der keinen anderen Zweck hatte als ebendiesen: den Bachmann-Preis zu gewinnen. Nur dafür war er geschrieben worden. Allein diese Tatsache macht noch keinen schlechten Text, aber als Zeichen für den Wandel der Literaturszene von einer „Beyond-profit-Organisation“ zu einer Text-Marketing-Agentur darf man ihn schon lesen. Seit 2008 bietet die Riesenmaschine einen mit 500 Euro dotierten „Automatischen Literaturkritik Preis“ an, für den eine jährlich aktualisierte Kriterienliste auf ihrer Website zu finden ist. Es mag witzig sein, wenn die Angehörigen der Riesenmaschine nach eigenen Angaben käuflich sind und „gegen entsprechende Zahlung oder auch Zuwendungen in Naturalien – beliebige Produkte verherrlichen“. Aber Satire ist eben nur eine von vielen literarischen Gattungen. In diesem Jahr schickt diese Netzagentur im Übrigen ihren Autor Aleks Scholz ins Rennen um den Bachmann-Preis.

 

DIN-gemäß gefertigte Buchstabenware

Den Wandel des einst als Gradmesser für Tendenzen in der Gegenwartsliteratur geltenden Bachmann-Preises in eine die Marktfähigkeit schreibgeschulter Autoren testende Veranstaltung mit verursacht hat auch die Zurichtung des Wettlesens auf ein kompaktes Fernsehformat. Vor zwei Jahren wurde nur noch an zwei Tagen gelesen, um nicht so viel Sendezeit in Anspruch zu nehmen. Dazu hat man die Zahl der Teilnehmer und Juroren reduziert, die Bühne fernsehgerecht ausgebaut und dafür den Raum für die Zuhörer verkleinert. Nach Protesten sämtlicher Beteiligten wurden zumindest wieder drei Lesetage veranschlagt. Doch die Bereitschaft, (literarisch) etwas zu riskieren, hat das nicht erhöht. Geliefert wird DIN-gemäß gefertigte Buchstabenware. Und die Juroren? Auch sie setzen ihren Namen (sprich Marktwert) weniger leicht aufs Spiel, wenn sie bereits approbierte Kandidaten einladen.

Deshalb ein Vorschlag zur Güte: Lasst doch die „Tage der deutschsprachigen Literatur“ in Köln im Studio produzieren – und vergesst Klagenfurt.

AUF EINEN BLICK

Tage der deutschsprachigen Literatur:
vom 17. bis 19. Juni, täglich von 10 bis 15 Uhr im ORF-Theater in Klagenfurt.

Teilnehmer: Volker H. Altwasser, Thomas Ballhausen, Dorothee Elminger, Christian Fries, Sabrina Janesch, Josef Kleindienst, Christopher Kloeble, Daniel Mezger, Verena Rossbacher, Max Scharnigg, Iris Schmidt, Aleks Scholz, Peter Wawerzinek, Judith Zander.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2010)