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Unbeabsichtigte Nebeneffekte der digitalen Revolution

Immer noch wird der digitale Wandel in elitären Blasen diskutiert, obwohl wir bereits mittendrin stecken und teilweise eklatant betroffen sind.

Weltweit verändert der digitale Wandel nicht nur das Leben der Menschen, sondern buchstäblich sie selbst. Die Medien quellen über vor Jubelmeldungen und Unheilsängsten. Einerseits fänden Ökosphäre und Menschheit Rettung in den Segnungen der digitalen Kommunikation, der künstlichen Intelligenz (AI), der neuen digitalen Wirtschaftsformen. Andererseits warnen Leute wie ich – mit einem Hintergrund im Bereich Evolution und Natur des Menschen – vor einer Überforderung durch die schöne neue Welt, die ganz andere Fähigkeiten brauchte, um mit Informationsflut und Multitasking zurechtzukommen; es scheint sich ja bereits eine verringerte Resilienz gegenüber mentalen Problemen abzuzeichnen. Jedenfalls werden vor allem Teilaspekte thematisiert.

Paradox eigentlich: Menschen verändern mittels Technologien radikal ihre Lebensumwelten, haben aber keinen Schimmer, was das für sie bedeuten wird. Das änderte sich nun unter anderem durch eine Initiative von Roland Scholz, Peter Parycek und Gerald Steiner, alle Donau-Uni Krems, teilweise auch ETH Zürich und Fraunhofer Berlin. Sie fragten fast 50 Experten unterschiedlichster Fachrichtungen aus Europa und Japan, welche unvorhergesehenen Nebeneffekte der digitale Wandel mit sich bringt, und sammelten so über 40 Themen ein. Sie werteten aus, diskutierten und destillierten zehn Themenbereiche (publiziert in „Sustainability 2018“) zu den unbeabsichtigten Auswirkungen digitalen Wandels, allen voran die Fragen, wem die gewonnenen Daten gehören, auch jene über die Erbinformation, welche Algorithmen damit arbeiten und wer diese kontrolliert. Man identifizierte die Folgen einer weltweit vernetzten, AI-gesteuerten Wirtschaft und dachte über die Beziehungen zwischen dem überaus raschen digitalen und dem langsameren ökologischen Wandel nach; auch darüber, wie sich die Mensch/Umwelt-Beziehung durch die Veränderung von Wahrnehmung und Denken in der digitalen Welt verändern wird. Man diskutierte, ob die AI Werkzeug bleibt oder in Zukunft die Entscheidungen treffen und so Menschen entmündigen wird. Schließlich stellte man fest (erschütternd aber wahr): Noch fehlen die wissenschaftlichen Konzepte, um den digitalen Wandel einzuordnen und mit ihm zurechtzukommen. Solche Konzepte scheinen aber gerade angesichts starker kultureller Unterschiede dringend erforderlich. So war den Experten aus Japan vor allem die Integration von AI und Robotern in die Gesellschaft ein Anliegen, und sie waren weniger technologiekritisch oder besorgt um die Demokratie als ihre europäischen Kollegen. Jedenfalls wird der digitale Wandel immer noch in elitären Blasen diskutiert, obwohl wir bereits mittendrin stecken und alle betroffen sind.

Es gab zwar unter den Experten auch Psychologen, aber leider wenig evolutionäre Kompetenz. Die Wechselwirkungen zwischen dem digitalen Wandel und der menschlichen Natur blieben daher unterbelichtet. Schade, denn darin liegt eigentlich des Pudels Kern. Dennoch: Ein Anfang in Richtung Zusammenschau und wissenschaftlicher Bearbeitung ist gemacht.

Immerhin ein entscheidender Schritt, vom passiven Passagier der Technologieentwicklung zu deren Mitgestalter zu werden, auch um sich nicht voll der Daten- und Deutungsmacht weniger Konzerne ausliefern zu müssen.

Kurt Kotrschal, Verhaltensbiologe i.R. Uni Wien, Wolf Science Center Vet-Med-Uni Wien, Sprecher der AG Wildtiere/Forum Wissenschaft & Umwelt.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2020)