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Gastkommentar

Die Kirchen in Geiselhaft des Islam

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Ist das Kopftuch ein religiöses Symbol wie andere? Politischer Islam als schwieriges religionspolitisches Feld.

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Interdisziplinäre Forschungen und multiperspektivische Recherchen, die um eine differenzierte Analyse und Gewichtung der Missstände ringen“, fordert die Pastoraltheologin Regina Polak als Reaktion auf das Buch „Machtkampf im Ministerium“ von Susanne Wiesinger über die Probleme mit muslimischen Schülern in österreichischen Schulen. Dergleichen aufgesetzte Wissenschaftlichkeit hätte auch jenen linken und rechten Bürokraten im Bildungsministerium einfallen können, deren geringe Kenntnis vom Alltag in der Schule Wiesinger in ihrem Buch scharf kritisiert.

Es gibt aber nicht mehr viel zu erforschen und zu „gewichten“: Die Fakten liegen seit den beiden Büchern der unterdessen als Ombudsfrau für Wertefragen und Kulturkonflikte im Bildungsministerium entlassenen Wiesinger auf dem Tisch: Erschreckende Sprachmängel in der dritten Generation von Migranten, deren Eltern noch gut Deutsch sprechen; alltäglicher Antisemitismus bei muslimischen Schülern; die Weigerung, das Wort „Rock“ als etwas Unzüchtiges ins Vokabelheft zu schreiben; die Ablehnung großer Teile der Inhalte des Biologieunterrichts; Verweigerung der Teilnahme an außerschulischen Veranstaltungen von Theateraufführungen bis zu Schwimmstunden und Sportwochen; der Psychoterror von Buben gegenüber den Mädchen. Die Aufzählung kann man noch verlängern.

Und letztendlich die Angst der Lehrer, das alles offen anzusprechen, weil es nicht der politischen Korrektheit entspricht und sie eher Sanktionen fürchten müssen, als Unterstützung zu bekommen.

Nach dem ersten Buch Wiesingers, „Kulturkampf im Klassenzimmer“, wollte man das alles abtun als Einzelfälle und vielleicht noch als unzulässige Verallgemeinerung ihrer Erlebnisse in einer Mittelschule in Favoriten. Jetzt aber hat Wiesinger das alles bestätigt gefunden durch Berichte aus anderen Bundesländern und aus Dutzenden Gesprächen mit Lehrern und Schuldirektoren. Neu ist, dass es die Probleme nicht nur an den NMS-„Brennpunktschulen“ in Wiener Flächenbezirken, sondern auch in Gymnasien und in ganz Österreich gibt.

Wiesinger tritt auch für ein Kopftuchverbot an Schulen ein. Wenn man ihr die Argumente dafür nicht glauben will, kann man einer NMS-Direktorin aus Linz das Wort geben, die in einem Leserbrief an diese Zeitung schon ein Jahr vor Wiesingers erstem Buch geschrieben hat: „Ich habe in der Schule die Auseinandersetzungen mit Schülern, die ihre Schwestern/Mitschülerinnen unter Druck setzen. Ich kenne die Angst der Väter und ihr Bedürfnis, ihre Töchter zu schützen durch die Kopfbedeckung. Ich kenne die Not der Mädchen, die zu mir kommen und mich bitten, das Kopftuch zu verbieten.“ Die Lehrerin gab sich übrigens auch als Sozialdemokratin zu erkennen.

Vor allem in den Kirchen, katholisch und evangelisch, wird nun die Erzählung von den Muslimen als den Opfern einer „Politik der Demütigung“ angestimmt, wie Otto Friedrich in der „Furche“ schrieb; Muslime, Flüchtlinge, Migranten würden „von dieser Regierungspolitik zum wohlfeilen Feind erniedrigt“. Das entspricht auch dem Selbstbild vieler Sprecher des Islam in Europa, die jede kritische Auseinandersetzung oder auch das Kopftuchverbot nur als Islam-Feindschaft verstehen wollen. Das Kopftuchverbot bis 14 ist, wenn man den Hauptschuldirektorinnen folgt, weniger eine Zumutung an die vielleicht davon Betroffenen, als ein „Schlag ins Gesicht der Islamischen Glaubensgemeinschaft“, da hat ein evangelischer Autor, der das so formuliert hat, ganz recht.

Polak erklärt die Probleme mit muslimischen Schülern damit, dass diese sich eben nicht anders wehren könnten gegen „Armut, Mangel an Teilhabe, Bildung und Zukunftsperspektiven“. Ist es ein Mangel an Teilhabe, wenn sie in der Schule sitzen dürfen/müssen, wo sie ja Bildung und Zukunftsperspektiven bekommen könnten, die sie aber weithin anscheinend verweigern und sich dadurch selbst ausschließen? Von den selbstbewussten Gymnasiastinnen, von denen diese Zeitung berichtet, die sich durch das Kopftuch „sichtbar“ machen wollen, wird man ja nicht sagen können, sie seien sehr benachteiligt.

 

Neue Art von Josephinismus

Allenthalben wird nun von der angeblichen Religionsfeindlichkeit der Regierung geredet. Die Regierung versucht, den „politischen Islam“ fassbar zu machen und zu kontrollieren. Das ist nachvollziehbar, wenngleich sie sich damit auf das schwierigste religionspolitische Feld begibt. Die Beobachtungsstelle für politischen Islam ist sicher nicht Ausdruck dafür, dass die Regierung allgemein sich staatsgefällige Religionen heranziehen möchte, gewissermaßen einen neue Art von Josephinismus. Es wäre nur fahrlässig, problematische Tendenzen im Islam – und die Berichte von Wiesinger sind ein Indiz dafür – zu ignorieren.

Den „politischen Islam“ mit so etwas wie politischer Theologie in christlichem Sinn gleichzustellen ist unsinnig und eine Verkennung des Islam. Der Islam ist eine Religion, die sich nicht nur als Glaube, kultische Praxis und Ethik versteht, sondern ganz wesentlich auch eine politische, rechtliche und soziale Ordnung sein will. Insofern ist er automatisch „politisch“. Es fällt ja auf, dass der Islam in Österreich, zahlenmäßig an Anhängern wahrscheinlich dreimal so stark wie die Evangelischen, keine Einrichtung wie die Diakonie unterhält, die jenen Willen, aus dem Glauben heraus die Welt sozial, gesellschaftspolitisch mitzugestalten, verkörpert.

 

Niemand will Tracht verbieten

Wenn die Kirchen den Kopftuchzwang als einen Angriff auf alle religiösen Symbole in der Öffentlichkeit sehen, wie es Erzbischof Christoph Schönborn nun schon fast täglich tut, begeben sie sich selbst in die Geiselhaft des Islam. Schönborn gibt dem Kopftuch damit eine Weihe und Dignität, die es nicht einmal für die meisten seiner Trägerinnen hat. Dass es in den vergangenen Jahren in Wien eine auffallende Verbreitung gefunden hat, dürfte eher das Zeichen für ein kulturelles Geltungsstreben sein, als sich ausbreitende Religiosität.

Es hat niemand davon geredet, katholischen Ordensfrauen das Tragen ihrer Tracht zu verbieten. Nur müsste die oberste dieser Frauen, die sich über das Kopftuchverbot beschwert, erklären können, was der Unterschied zwischen einem Kopftuch und ihrer Ordenstracht ist. Bezeichnenderweise musste die neue Integrationsministerin, eine nach eigener Aussage gläubige Katholikin, dem Kardinal zu Hilfe kommen und erklären, warum das Kreuz weder aus Gerichtssälen noch Schulklassen verschwinden soll.

Damit wird auch jenen Kirchenverächtern und Laizisten eine Absage erteilt, die mit dem Verbot eines Kopftuchs für Richterinnen natürlich dann gleich auch das Kreuz auf dem Tisch vor ihr verschwinden sehen möchten. Die Logik, die für Richterinnen gilt, müsste auch für Lehrerinnen in öffentlichen Schulen gelten, die ihren Schülern ja auch mit einem öffentlichen Auftrag und im Namen des Staats, der zum Schulbesuch verpflichtet, gegenübertreten.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR

Hans Winkler war langjähriger
Leiter der Wiener Redaktion der
„Kleinen Zeitung“.

Debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2020)