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Nationalsozialismus

Auschwitz-Gedenken im Parlament: "Mitmensch, nicht Gegenmensch sein"

75. JAHRESTAG DER BEFREIUNG DES KZ AUSCHWITZ: KEIL
Gedenkveranstaltung im ParlamentAPA/HERBERT NEUBAUER
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Bei einer gemeinsamen Gedenkveranstaltung erinnerte eine breite Riege an Rednern daran, dass der Kampf gegen den Antisemitismus immer zu führen sei.

Das österreichische Parlament hat sich am Montag mit einer eigenen Veranstaltung in den langen Reigen der Gedenkfeiern zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau eingereiht. In den Wiener Börsensälen gedachte man der Opfer des Holocaust und rief dazu auf, den Kampf gegen Antisemitismus nicht nur an einem Tag im Jahr, sondern immer zu führen.

"Das Geschehene bleibt unbegreifbar", sagte Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka am Montag in seiner Rede. Gekommen waren sowohl Vertreter aller Kirchen und Religionsgemeinschaften als auch viele Minister und Vertreter aller Parteien und vieler Organisationen. Sobotka bat die Anwesenden, nach dem Gedenktag nicht wieder in den gewohnten Trott zu verfallen. "Gedenken hat nur dann einen Sinn, wenn es auch zum Handeln im Alltag wird", forderte er und verwies darauf, dass sich Antisemitismus immer noch "in unserer Mitte" befinde.

Sobotka: In Auschwitz wurde jede Minute ein Mensch ermordet

"Die Idee des Antisemitismus ist offenbar nicht ausrottbar", bedauerte Sobotka. Wichtig sei aber, dessen Ausbreitung zu verhindern - nämlich durch Bildung, Integration und nicht zuletzt durch das Gesetz, so der Politiker. Das Erinnern müsse ein "breites öffentliches Anliegen" sein, sagte er. Denn Antisemitismus sei keine normale Form des Rassismus, sondern "die Antithese zum Guten", so Sobotka. Eindringlich erinnerte er daran, dass viele Österreicher in Auschwitz Täter gewesen sind. "Die Schienen enden in Auschwitz", hielt Sobotka vor Augen. "Aber sie beginnen in unseren Städten, sie beginnen in ganz Europa", sagte er weiter und rechnete vor, dass in Auschwitz durchschnittlich jede Minute ein Mensch ermordet wurde - eineinhalb Millionen in drei Jahren.

Bundesratspräsident Robert Seeber sagte, er sehe im Gedenken an die Holocaust-Opfer auch den Auftrag, kommenden Generationen das Verständnis weiterzugeben, "wer Opfer und Täter waren und wie sich diese Katastrophe angebahnt hat, ohne verhindert zu werden". Seinen Appell richtete er unter anderem an "Generationen, denen durch soziale Medien Instrumente in die Hand gegeben wurden, die es ihnen ermöglichen, rasch und anonym eine große Anzahl von Menschen zu erreichen und dabei Hass und Missgunst zu verbreiten". Antisemitismus und Hetze hätten in unserer Gesellschaft keinen Platz - weder virtuell noch reell, so Seeber.

„Die Höbelts an den Unis“ 

Von der eigenen Familiengeschichte berichtete am Montag Benjamin Nägele, Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Seine Oma sei in Auschwitz gewesen, sagte er und erzählte von einer Aussage, die ihm besonders in Erinnerung geblieben ist: "Sie hat einmal gesagt, in Auschwitz habe sie ihren Glauben verloren und sie habe verlernt zu weinen". Nägele verurteilte den Holocaust als das "unmenschlichste, aber doch von Menschen begangenes Verbrechen" und erinnerte daran, dass der Kampf gegen Intoleranz und Judenhass noch kein Ende gefunden habe.

Jüdische Institutionen müssten immer noch bewacht werden, kritisierte er. Ebenso führte er die "Einzelfälle der FPÖ" an, genauso wie "die Höbelts an den Unis", die einen Kampf gegen Antisemitismus weiterhin notwendig machen würden - "nicht nur heute, sondern auch alle anderen 364 Tage im Jahr", so Nägele. Für ihn sei es besonders wichtig, die individuellen Geschichten der Zeitzeugen zu bewahren, um Geschichte begreifbar zu machen. "Man muss wissen, was passieren kann, wenn man Hass gewähren lässt", sagte er in seiner bewegenden Rede.

„Geistiger Klimawandel hat begonnen“ 

Martha Keil, Direktorin des Instituts für jüdische Geschichte Österreichs, zeichnete in ihrer Rede ein grausames Bild vom Massenmord in Auschwitz. 7600 Menschen wurden zwar von der Roten Armee befreit, jedoch wurden sie nur "aus Auschwitz und nicht von Auschwitz befreit", sprach sie das lebenslange Leiden der meisten Betroffenen an. Auch 75 Jahre nach der Befreiung sei noch immer die Betonung der unglaublichen Dimension von Auschwitz notwendig, so Keil. "Auschwitz ist geschehen, daher kann es wieder geschehen", zitierte sie einen Zeitzeugen.

Bezug nahm sie auch auf die jüngste Flüchtlingsbewegung, bei der Flüchtlinge oft als Bedrohung oder als Kriminelle dargestellt worden seien. "Auch der geistige Klimawandel hat längst begonnen", sagte sie und forderte alle Menschen auf, Lehren aus der Geschichte zu ziehen. "Was aus Auschwitz gelernt werden muss, ist nicht Gegenmensch, sondern Mitmensch zu sein", sagte die Historikerin.

Schwerpunkt auf Musik von in Auschwitz Ermordeten

Das Gedenken fand am Montag nicht nur in Form von eindringlichen Worten statt, sondern auch musikalisch. Bei der Veranstaltung wurden Kompositionen von Musikern, die in Auschwitz ermordet worden sind, auf die Bühne gebracht. "Ihnen gemeinsam ist die jüdische Herkunft, die ihnen zum Verhängnis wurde", sagte Gerold Gruber, Leiter des Forschungszentrums Exil Arte, über die Komponisten Viktor Ullmann, Hans Krasa, Gideon Klein und Pavel Haas.

Er berichtete, dass es in Auschwitz durchaus Orchester gab. Allerdings herrschten für diese Musiker "grauenvolle Zustände", wie Gruber betonte. Sie mussten die Arbeitskolonnen musikalisch begleiten, auch im Bordell der NS-Schergen gab es Musik. "Die Menschenkolonnen wurden in die Gaskammern geschickt und währenddessen hat das Mädchenorchester gespielt", skizzierte er die Geschehnisse. Musik sei für viele KZ-Insassen aber eine Möglichkeit gewesen, das Grauen zu überleben, so Gruber. Und mit Blick auf das kulturelle Erbe der in Auschwitz Ermordeten sagte er: "Deswegen ist es unsere Aufgabe, dass man diese Musik wieder zum Klingen bringt."

(APA)