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Replik

Wie im tiefsten Mittelalter

Wenn Etlingers Ansichten nur eine Spur repräsentativ sind, wundert der Verfall der aktiven Kirchengemeinschaft nicht.

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Wie so viele Katholiken in diesem Lande habe ich ein lockeres und grundsätzlich sehr positives Verhältnis zur christlichen Religion ganz allgemein und zur katholischen Kirche im Besonderen. Gerade in Zeiten wie diesen bedaure ich es, dass die Kirche sich in der Diskussion um politischen Islam, militanten Hinduismus, Christenverfolgung und so weiter überhaupt nicht profiliert. Und ich stehe zur christlichen Tradition Europas und dem Neuen Testament als deren Basis, wohl wissend, dass insbesondere die katholische Kirche in ihrer Geschichte der Aufklärung immer etwas nachgehinkt ist, um es freundlich auszudrücken.

Und dann lese ich den Kommentar von Michael Etlinger („Die Presse“ vom 22. Jänner). Tiefstes Mittelalter! Wenn Etlingers Einstellung auch nur für einen nennenswerten Teil der katholischen Kirche repräsentativ ist, wundert einen der Verfall der aktiven Kirchengemeinschaft nicht. Er scheint gegen Veränderungen und Modernisierungstendenzen in der katholischen Kirche des 21. Jahrhunderts immun, wie seine aus der Zeit gefallene Verteidigung der traditionellen christlichen Moral- und Sittenlehre und die Forderung nach mehr Hardlinern unter den österreichischen Bischöfen zeigen. Aber vielleicht könnte er doch ein wenig Selbstkritik zulassen.

Dem durchschnittlichen Katholiken ist der Zölibat relativ egal. Er ist sich bewusst, dass es funktionierende christliche Kirchen mit und ohne Zölibat und – horribile dictu – mit Priesterinnen und ohne gibt. Als Bewohner ländlicher Regionen ist der durchschnittliche Christ auch mit dem „gelebten Zölibat“ bestens vertraut. Ihn interessiert auch nicht, abgesehen von einer pikanten Seitenblicke-Perspektive, ob Christus verheiratet war oder nicht. Ebenso wenig, welchen Geschlechtes die Engel sind. Dass die Aufhebung des Zölibats und die Ordination von Frauen das Ende der Kirche bedeuten würden („basisdemokratischer Beliebigkeitsverein“), ist wirklich nicht nachzuvollziehen. Mit dem Idealbild des Autors einer Kirche, die sich den Gläubigen als abgehobene Kaste von männlichen Hohepriestern zur Vollziehung des heiligen Messopfers darstellt, wäre heute sicher kein Staat, pardon, keine Kirche mehr zu machen.

Es ist schon lange her, dass ich mich im Rahmen des Jusstudiums mit Kirchenrecht beschäftigt habe. Dennoch kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Papst mittels Apostolischen Rundschreibens die (mündigen) Gläubigen verpflichten kann, die Diskussion (!) um die Priesterweihe von Frauen bis zum Jüngsten Gericht zu unterlassen.

 

Fraglos deplatziert

Ja, manche Kommentare über die Kirche kann und soll man als respektlos kritisieren. Die Ausdrucksweise von Frédéric Martel (17. Jänner, „Die Presse“), der den Vatikan als die „größte Schwulengemeinschaft der Welt“ bezeichnet, ist fraglos deplaziert. Andererseits kann ich nicht beurteilen, ob der 92-jährige Papst Benedikt XVI. bereits etwas senil ist. Aber glauben Sie mir, Herr Etlinger, für die überwiegende Mehrzahl der katholischen Christen geht es in Wahrheit nicht um zwei konträre und inkompatible Kirchenmodelle, sondern um die einzige Kirche, die sich nur etwas weniger träge und mit deutlich weniger internen Krämpfen den neuen Herausforderungen stellen sollte. Wenn es zu einer Verjüngung der Entscheidungsgremien käme, wäre es auch kein Schaden.

Im Übrigen lehrt uns die Geschichte, dass das Überleben von Institutionen und menschlichen Gemeinschaften eng mit ihrer Fähigkeit zusammenhängt, sich zu reformieren, nach außen zu öffnen und Diversität zuzulassen.

Der Autor

Dr. Erhard Fürst (geboren 1942) leitete zuletzt den Bereich Wirtschaft und Industriepolitik der Industriellenvereinigung.

 

 

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2020)