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Vorarlberg

Notenboykott an Volksschule sorgt für Wirbel

An einer Lustenauer Volksschule haben die Lehrer ein Notenboykott ausgerufen (Symbolbild).
An einer Lustenauer Volksschule haben die Lehrer ein Notenboykott ausgerufen (Symbolbild).(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Seit diesem Jahr müssen Kinder ab der zweiten Klasse wieder Ziffernnoten bekommen. Lehrer und Eltern an einer Lustenauer Volksschule wehren sich nun dagegen: „Wir wollen, dass die Wahlfreiheit bleibt.“ Lehrervertreter und Grüne können den Unmut nachvollziehen.

Lustenau. Im äußersten Westen des Landes regt sich Widerstand gegen die Ziffernnoten: An einer Lustenauer Volksschule haben die Lehrer ein Notenboykott ausgerufen. Dass sie aus Protest gegen die Wiedereinführung der Ziffern ihre Drittklässler durchwegs mit „Gut“ benoten wollen, sorgt über die Grenzen Vorarlbergs hinaus für Wirbel.

Der Hintergrund ist eine Neuerung, die noch von der türkis-blauen Regierung angestoßen wurde und damals schon für heftige Proteste sorgte – die aber erst jetzt schlagend geworden ist: Ab dem Jahreszeugnis der zweiten Klasse müssen verpflichtend wieder Ziffernnoten vergeben werden. Bisher konnten die Schulen die Kinder in den ersten drei Volksschulklassen alternativ, also verbal beurteilen.

An der Volksschule Kirchdorf wehren sich die Lehrer nun dagegen, wie der ORF berichtete. Sie haben sich den Boykott gemeinsam mit den Eltern ihrer Schüler überlegt. Konkret geht es um den reformpädagogischen Zweig der Schule – und um die Drittklässler, die nun eben im Halbjahreszeugnis Noten bekommen sollten.

„In diesem Zweig haben wir bis in die dritte Klasse nie Noten gegeben – die Eltern wollen das dezidiert“, sagt Schuldirektor Christoph Wund im Gespräch mit der „Presse“. „Im anderen Bereich geben wir durchaus Noten, wir leben auch beides. Aber uns geht es wesentlich darum, dass wir die Pädagogik, die wir dort entwickelt haben, umsetzen können. Wir wollen, dass die Wahlfreiheit bleibt.“ Der Schulleiter – der sich den Boykott nicht selbst ausgedacht hat – hat für Mittwoch eine Vorladung in die Vorarlberger Bildungsdirektion bekommen. „Ich habe zwei Seelen in der Brust“, sagt er. Die Gesetze seien einzuhalten – gleichzeitig habe man an der Schule über Jahre ein gutes pädagogisches Modell entwickelt, das mit den Noten kollidiere. „Es geht mir nicht darum, etwas Ungesetzliches zu tun – sondern darum, etwas aufzuzeigen und eine Diskussion anzustoßen.“

 

Unterschriften gegen „Zwang“

Das dürfte gelungen sein. In Vorarlberg – wo eine Petition gegen „Notenzwang“ inzwischen mehr als 5800 Unterschriften gesammelt hat – hat sich der Elternverband hinter die Schule gestellt, auch der Lehrerverband hofft, dass der Boykott etwas ins Rollen bringt. Ähnlich der oberste Lehrergewerkschafter Paul Kimberger. Er empfehle Lehrern zwar nicht, gegen das Gesetz zu handeln, sagt er im Gespräch mit der „Presse“: „Aber die Gründe kann ich nachvollziehen.“

Die Stimmung an den Volksschulen sei angesichts der Notenreform nicht besonders gut, sagt Kimberger: Die aktuelle Benotung – bei der es zusätzlich zu den Ziffernnoten noch eine verbale Beurteilung geben muss – sei ein enormer bürokratischer und organisatorischer Aufwand, der das Ergebnis nicht rechtfertige. „Die Sehnsucht in den Volksschulen ist riesengroß, dass man hier wieder mehr Vertrauen in die Lehrer hat und das in die Autonomie gibt.“

Ob das passieren wird, ist fraglich. Im türkis-grünen Regierungsprogramm werden die Ziffernnoten nicht infrage gestellt. „Leider war die ÖVP in den Verhandlungen davon nicht zu überzeugen“, sagt die grüne Bildungssprecherin Sibylle Hamann. Bei ihrem baldigen Termin mit Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) will sie schildern, was sich viele Volksschulen wünschen. Den Boykott in Vorarlberg kommentiert man im Ministerium derzeit knapp: Die Umsetzung der Vorgaben sei Sache der Bildungsdirektion. (beba)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2020)