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Luftfahrt

Boeings 30-Milliarden-Dollar-Problem

FILE PHOTO: An aerial photo shows Boeing 737 MAX aircraft at Boeing facilities at the Grant County International Airport in Moses Lake
Rund 400 fertige Boeing 737 Max stehen auf Flughäfen und Parkplätzen und warten auf eine Ende des Flugverbots.REUTERS
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Das Problemflugzeug 737 Max riss den US-Flugzeughersteller Boeing in die roten Zahlen. Die Kosten für das Debakel dürften einen zweistelligen Milliardenbetrag ausmachen.

Wien. „Wir sehen, dass wir noch eine Menge Arbeit zu tun haben.“ Der Kommentar des Mitte Jänner angetretenen neuen Boeing-Chefs, David Calhoun, zur Jahresbilanz des US-Flugzeugherstellers wirkt ein wenig tiefstapelnd. Denn in der am Mittwoch vorgelegten Bilanz des einst erfolgsverwöhnten Konzerns manifestiert sich das Debakel rund um die 737 Max erstmals in harten Zahlen.

Konnte Boeing 2018 noch einen Nettogewinn von 10,5 Mrd. Dollar vorweisen, rutschte der Konzern in den vergangenen zwölf Monaten mit einem Verlust von 636 Mio. Dollar in die roten Zahlen. Noch drastischer zeigt sich die Situation, wenn man sich lediglich die Ergebnisse der Zivilflugzeug-Sparte ansieht. Hier wandelte sich der einstige operative Gewinn von 7,8 Mrd. Dollar in einen Verlust in Höhe von 6,7 Mrd. Dollar.

Und auch andere Bereiche in der Boeing-Bilanz sind alles andere als erfreulich. So ging die Zahl der ausgelieferten Flugzeuge von 806 auf 380 Stück zurück. Damit einher ging auch der Umsatzeinbruch um knapp ein Viertel auf 76,6 Mrd. Dollar. Erhöht hat sich in der Bilanz lediglich eine Position: die Verschuldung. Die kurz- und langfristigen Schulden stiegen zwischen Jänner und Dezember um 21 Mrd. Dollar an.

Probleme wurden ignoriert

Grund für die Horrorbilanz ist die 737 Max, die nach zwei Abstürzen mit in Summe 346 Toten seit März 2019 weltweit auf dem Boden bleiben muss. Das Flugzeug wurde von Boeing unter Zeitdruck und mit schlechten technischen Voraussetzungen (zu schwere neue Turbinen für das bestehende 737-Design) entwickelt. Probleme beim Flugverhalten wurden während der Entwicklungs- und Testphasen von den zuständigen Technikern und Managern nicht ausreichend beachtet, bisweilen auch einfach ignoriert.

Die Kosten in Milliardenhöhe in der Bilanz setzen sich nun aus verschiedenen Punkten zusammen. So muss Boeing einerseits Entschädigungszahlungen an die Angehörigen der 346 Todesopfer zahlen. Diese gehen zwar in die Millionen, sind von der Gesamtsumme aber nur ein kleiner Teil.

Wesentlich höher sind da schon die Pönalien, die von Fluglinien verlangt werden, weil sie ihre in Betrieb gewesenen 737 Max seit März nicht mehr verwenden können oder länger auf ihre Maschinen warten müssen. Einzelne Fluglinien haben auch bereits Klagen gegen den US-Konzern eingebracht. Analysten erwarten, dass am Ende unter dem Strich Zahlungen im Ausmaß von 16 Mrd. Dollar notwendig sein werden, um sämtliche Schäden zu begleichen.

Damit ist es für Boeing aber noch nicht getan. Denn weitere Kosten wurden durch das monatelange Produzieren auf Halde verursacht. Erst Mitte Jänner hat das Unternehmen die Fertigung der 737 Max vorübergehend eingestellt. Zuvor waren noch jeden Monat bis zu 42 hergestellt worden und auf kleineren Flughäfen oder sogar Autoparkplätzen geparkt worden. Rund 400 Maschinen stehen so einerseits in der Gegend herum und andererseits in den Büchern des Unternehmens. Mit einem Listenpreis von rund 100 Mio. Dollar pro Stück hat Boeing somit 40 Mrd. Dollar an Kapital unproduktiv gebunden. Mehr noch: Die fix fertigen Flugzeuge müssen laufend gewartet werden, was zusätzliche Kosten verursacht.

Wann kommt Flugerlaubnis?

Wie viel das Debakel am Ende insgesamt kosten wird, ist nach wie vor unklar und hängt auch davon ab, wann es wieder eine Flugerlaubnis für die 737 Max gibt. Sollte sie wie nun erwartet Mitte 2020 erteilt werden, dann dürfte Boeing in Summe mit Kosten von etwa 30 Mrd. Dollar belastet werden. Zum Vergleich: BP kostete die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko in Summe 65 Mrd. Dollar.

Auch für Boeing dürfte diese Summe somit ein herber Schlag, aber nicht lebensbedrohlich sein. So verweist das Unternehmen in der Bilanz auch auf das Orderbuch. Darin enthalten: 5400 fix bestellte Flugzeuge in einem Gesamtwert von 377 Mrd. Dollar.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2020)