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2019-nCoV

Auch Lufthansa und AUA stellen Flüge nach China ein

Ein Arbeiter desinfiziert ein Viertel in Qingdao in der chinesischen Provinz Shandong.
Ein Arbeiter desinfiziert ein Viertel in Qingdao in der chinesischen Provinz Shandong.REUTERS
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Während Linienflüge nach China eingestellt werden, versucht die EU Bürger aus der betroffenen Region zu holen. US-Bürger müssen nach geglückter Rückholaktion mit Aufenthalten in Quarantänestationen rechnen.

Peking/Canberra/Moskau/Wien. Während aus China erste Anzeichen kommen, dass sich die Ausbreitung des Coronavirus „2019-nCoV“ verlangsamt, weil die Zahl der Neuinfektionen sinkt, hat die Angst vor einer Pandemie zahlreiche Länder bewogen, ihre Bürger auszufliegen. Aber auch immer mehr Airlines geben ihre Linienflüge vorerst auf, so auch die Lufthansa-Gruppe. Am Mittwochnachmittag gab die deutsche Fluglinie bekannt, alle Flüge nach China vorerst auszusetzen. Von der Tochterfirma Austrian Airlines hieß es, man wolle bis 9. Februar alle China-Flüge canceln. Einerseits wegen des Virus, andererseits wegen der dadurch stark sinkenden Nachfrage. Hongkong will die Lufthansa aber weiterhin ansteuern.

Bei der AUA befand sich am Mittwochnachmittag eine Maschine auf dem Weg nach Shanghai, heute am frühen Abend (17.45 Uhr) hebt in Wien-Schwechat ein letzter Kurs nach Peking ab. Die Rückflüge finden noch statt, um Passagiere und die Crews zurückzubringen. Dann ist der Verkehr nach und von China für eine Tage gestoppt.

Die Ausbreitung des neuen Coronavirus schürt aber auch Chinesen-feindliche Ressentiments. So sammelte eine Online-Petition in Malaysia, die ein Einreiseverbot für Chinesen fordert, bis Mittwoch mehr als 400.000 Unterstützer. Das Virus sei durch die „unhygienische Lebensweise in China“ geschaffen und verbreitet worden, heißt es. In Südkorea hat so eine Petition ebenfalls Hunderttausende Befürworter gefunden, sie wurde gar auf die Website des Präsidialamtes gestellt. In Frankreich klagen Menschen asiatischer Herkunft, sie seien seit Beginn der Seuche mit Rassismus konfrontiert.

Bis Mittwoch wurden mindestens 6150 Fälle bestätigt, davon nur etwa 100 außerhalb der Volksrepublik, vor allem in Thailand, Hongkong, Singapur. Statt 1700 Neufällen am Montag gab es am Dienstag nur 1459. Man zählte zuletzt 132 Todesopfer, alle in China. Laut Medizinern verlaufen die Infektionen meist mild, die Todesfälle treten primär bei Risikopatienten auf, etwa Alten und Kranken.

Bisher kein Fall in Österreich

In den Vereinigten Arabischen Emiraten wurde laut Angaben vom Mittwoch eine vierköpfige Familie aus Wuhan, dem Quell des Virus, als damit infiziert identifiziert; es ist der erste Fall in Nahost. Vier Deutschen, die in München in Quarantäne sind und von einer Chinesin angesteckt worden waren, geht es gut. In Österreich hat sich noch kein Verdacht bestätigt.

Die Arbeiten an Impfstoffen laufen auf Hochtouren. Die Genstruktur der Viren ist bekannt, Forscher in Melbourne (Australien) haben sie bereits „nachgebaut“. Russische Wissenschaftler arbeiten gemeinsam mit Chinesen an einem Serum, ähnliche Arbeiten gibt es in anderen Staaten.

Viele Staaten haben begonnen, ihre Bürger aus China und speziell der am stärksten betroffenen Region Hubei auszufliegen. Sonderflüge gab und gibt es unter anderem nach Japan, in die USA, Südkorea, Frankreich, Deutschland und Marokko. Sieben Österreicher in Hubei sollen „in Zusammenarbeit mit den europäischen Partnern, allen voran Frankreich und Deutschland“ heimgebracht werden, hieß es aus dem Außenamt. Mindestens 600 EU-Bürger sind es nach Angaben der Europäischen Kommission. Die Brüsseler Behörde bemühe sich nun um koordinierte Rückholaktionen.

Quarantäne auf Insel

Australien will einige der Ausgeflogenen zeitweise auf Christmas Island im Indischen Ozean zur Beobachtung unterbringen. Laut dem britischen und deutschen Gesundheitsministerium sollen Rückreisende für zwei Wochen in Quarantäne. British Airways hat die Direktflüge zwischen Großbritannien und China überhaupt ausgesetzt; auch andere Fluglinien wie Finnair, Air Canada, Cathay Pacific und Lion Air fliegen China schon jetzt oder in Kürze nicht mehr an. Kasachstan hat den Personengrenzverkehr mit China total gestoppt.

Der Ski-Weltcup der Herren, der Mitte Februar in Yanqing nördlich von Peking hätte stattfinden sollen, wurde am Mittwoch von der FIS und Chinas Skiverband abgesagt. Ersatzort könnte Saalbach-Hinterglemm in Salzburg werden. In Brisbane (Australien) wiederum ist Chinas Frauenfußball-Team, das am Dienstag zu einem Qualifikationsspiel für Olympia eingetroffen war, unter Quarantäne gestellt worden. Die (samt Begleitern) 32 Personen waren zuvor in Wuhan.

Die Epidemie hat immer größere Folgen für die Wirtschaft. Die US-Kaffeehauskette Starbucks schloss 2000 von mehr als 4000 Filialen in China; Toyota unterbrach die Produktion in China; VW schickt 3500 Mitarbeiter in Peking bis Mitte Februar in „Heim-Quarantäne“; der von Fabriken in China abhängige Apple-Konzern räumt Unsicherheiten ein. Chinas Bruttoinlandsprodukt könnte in der ersten Jahreshälfte auf unter fünf Prozent fallen und wäre so klein wie seit Jahrzehnten nicht.

Epidemie wird übertrieben

Mediziner geben zu bedenken, dass die Epidemie oft übertrieben dargestellt werde. Tatsächlich erkranken an der Grippe (Influenza), nicht selten verbunden mit bakteriellen Sekundärinfektionen, jährlich viele Millionen Menschen; allein die schweren Verläufe werden von der WHO (Daten von 2018) mit drei bis fünf Millionen Fällen und bis zu 650.000 Todesopfern beziffert. 2009/2010 gab es durch das „Schweinegrippevirus“ womöglich über 400.000 Todesopfer, 1918/19 raffte die Spanische Grippe 25 bis 100 Millionen Menschen dahin.

>> Grippewelle gefährlicher als Coronavirus

In Österreich gibt es jährlich 1000 bis 2000 Grippetote, 2018/2019 sollen es etwa 1400 gewesen sein. Ärzte beklagen die niedrige Impfquote von fünf bis zehn Prozent; sich nicht impfen zu lassen sei gerade bei Risikogruppen „grob fahrlässig“. (wg/ag.)
[Q5R1U]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2020)

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