Schnellauswahl
Quergeschrieben

Trauern um Kobe Bryant und drei große Fragen

Wenn Prominente sterben, wird oft um die Deutungshoheit gestritten. Wie sieht es bei dem mit einem Hubschrauber verunglückten US-Basketballer aus?

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

>>> Mehr aus der Rubrik „Quergeschrieben“

Kobe Bryant ist jetzt also tot, ums Leben gekommen bei einem Hubschrauberabsturz, gerade einmal 41 Jahre alt. Acht weitere Menschen waren an Bord, darunter seine 13-jährige Tochter und zwei gleichaltrige Mädchen. Alle tot. Die Basketballwelt trauert um den US-Star und die Nachwuchstalente; Prominente aus aller Welt kondolierten. Gleichzeitig begann ein Streit um die Deutungshoheit. Wie so oft, wenn Prominente sterben, wird um Antworten auf drei große Fragen gerungen: War der Verstorbene „zu Recht“ berühmt? Darf man über dessen „Schattenseiten“ – in diesem Fall den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs – hinwegsehen? Und was sagen die Umstände des Todes über die Gesellschaft aus?

Man muss nichts von Basketball verstehen, um von Bryant beeindruckt, vielleicht auch ein bisschen verstört zu sein. Er galt als extrem ehrgeizig, spielte sogar mit Verletzungen weiter. Der Sohn eines Profi-Basketballers wurde direkt nach der High School, mit 17, in die National Basketball Association (NBA) aufgenommen. Sein Team blieben stets die Los Angeles Lakers. 18 Mal wurde er von Fans und anderen Spielern zum „All Star“ gewählt. Und damit nicht genug: Nachdem er 2016 seine Karriere beendete, entpuppte er sich als erfolgreicher Geschäftsmann.

Keine Frage, Bryant hatte Talent und strengte sich an. Deshalb wurde er bewundert, denn es sind Werte, die in unserer Gesellschaft zählen. Sportlicher Erfolg gilt zudem allen Doping-Skandalen zum Trotz als ehrlich. Schließlich kann jeder sehen, wie und von wem der Ball in den Korb bugsiert wird. Dass Bryant durch seinen Vater gewiss einen Startvorteil hatte und ein übertriebener Ehrgeiz nicht unbedingt vorbildhaft ist? Geschenkt, unsere Helden malen wir gern in Schwarz-Weiß.

Was wohl auch ein Grund ist, warum in den Nachrufen ein Detail seiner Biografie nur am Rand Erwähnung findet: Im Jahr 2003 bezichtigte ihn eine 19-jährige Hotelangestellte der Vergewaltigung. Nach dem Akt, den beide nicht bestreiten, hatte sie Verletzungen am ganzen Körper. Im Prozess weigerte sie sich allerdings auszusagen. Eine nachvollziehbare Entscheidung, wurde sie doch von Bryants Basketballteam eingeschüchtert und ihr Name an die Medien verraten. Es kam zu einer außergerichtlichen Einigung. Aus seiner Sicht habe es beiderseitiges Einverständnis gegeben, aus jener der Frau nicht, erklärte Bryant später reuig. Er hatte weitergemacht, obwohl sie nicht wollte. Das ist Vergewaltigung.

Der Fall zeigt einmal mehr die Bedeutung von beiderseitigem Einverständnis. In einem so intimen Moment sollte es wirklich nicht schwierig sein, beim anderen abzuchecken, ob er oder sie einverstanden ist. Nah genug dran ist man schließlich. Findet man Bryant als Sportler toll, darf man nun traurig sein, dass er tot ist? Ja – aber man sollte sich bewusst sein, dass er etwas Unethisches getan hat, was seine Karriere kaum beeinträchtigte.

Zudem muss man die Umstände seines Todes genauer beleuchten und sich fragen, was das über ihn aussagt.

Bryant war bekannt dafür, dass er die rund 50 Kilometer zwischen seiner Villa und dem Trainingscenter mit einem gemieteten Hubschrauber zurücklegte. Während der Stoßzeit in Los Angeles hätte er für die Strecke mit dem Auto zwei Stunden gebraucht; mit dem Helikopter ging es deutlich schneller. Die 13-Millionen-Einwohner-Metropole hat ein enormes Verkehrsproblem. Der Großteil pendelt mit dem Auto, obwohl es ein passables Bus- und Bahnnetz gibt. Dessen Ruf ist schlecht, es gehört dringend erweitert; niedrige Benzinpreise sowie die Fahrtendienste Uber und Lyft als reizvolle Alternative verstopfen zusätzlich die Straßen.

Anstatt sich für Verbesserungen stark zu machen, mieten sich Geschäftsleute und Stars wie Bryant um 4000 Dollar pro Stunde einen Helikopter. Solche Flüge sind nicht nur gefährlicher als Flugzeugfahrten, sondern verschmutzen auch die Umwelt deutlich mehr.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Autorin:

Anna Goldenberg ist Journalistin und Autorin („Versteckte Jahre. Der Mann, der meinen Großvater rettete“, 2018, Paul Zsolnay) und lebt in Wien. Sie schreibt über Medien und Politik für den „Falter“ und die „Taz“.


[Q4LGG]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2020)