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Fach- vs. Führungskarriere

Von Indianern und Häuptlingen

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Früher arbeitete man sich Schritt für Schritt nach oben. Bekam Mitarbeiter zugeteilt, je mehr, desto erfolgreicher war man. Heute stimmt das längst nicht mehr.

Die Pyramide ist flach geworden. Statt Position und Autorität zählen nur mehr Team- und agile Denke. Flache Hierarchien, das bedeutet meist Du-Kultur und partnerschaftlichen Umgangston.

Doch weniger Ebenen bringen automatisch weniger Führungsjobs mit sich. Die Häuptlinge werden weniger, die Indianer mehr. Das heißt nicht weniger Aufstiegsmöglichkeiten. Aufstieg wird nur anders definiert.

Vorab: Wem es um den Titel auf der Visitenkarte geht, der ist immer noch gut in globalen Konzernen aufgehoben. Dort gibt es zwangsläufig mehr Hierarchien und damit klassische Kaminkarrieren: immer weiter nach oben.

Letzter Schrei: Die Fachkarriere

Fachkarriere heißt: Es zählen nicht Titel, sondern Rollen. Wichtig ist, ein gleichwertiger Teil der Gruppe zu sein. Teamplayer statt Einzelkämpfer. Sich einem großen gemeinsamen Ziel verpflichtet zu fühlen, das nicht mehr in Häppchen heruntergebrochen wird. Das Team bekommt ein Jahresziel. Wie es dorthin kommt, ist ihm überlassen. Es gibt Kennzahlen (Key Performance Indicators, KPI), die den Fortschritt auch für die Geschäftsleitung transparent machen. Aber es gibt keine wöchentlichen Rapports mehr, keine Monatsmeetings, keine Quartalsberichte. Und kein Köpferollen, wenn etwas schiefgeht. Fehlermachen ist erlaubt. Manche Firmen feiern sie sogar mit Fuck-up-Partys. Wer keine Fehler macht, so die Philosophie, hat nichts riskiert. Und ohne Risiko keine Innovation.

Nichts bleibt wie es war

In der Praxis heißt das, dass sich jeder in alle möglichen Richtungen entwickelt. Immer das, was gerade benötigt wird. Eine Grafikerin hat sich erst auf Websites verlegt, dann die Social Media betreut und heute fährt sie Datenauswertungen. Ein Projektmanager hat Macht und Weisungsbefugnis abgegeben und sorgt heute als Agile Coach dafür, dass seine Leute bekommen, was sie zum Arbeiten brauchen. Immer die Rolle, die der Firma gerade am meisten hilft.

Deshalb sagt man heute, statt mit Titeln um sich zu werfen: „Ich habe am Relaunch mitgewirkt/an der Agilwerdung/an der Entwicklung des Produkts XY.“ Oder: „Ich habe die Verantwortung für das Thema XY getragen.“ Projektverantwortung zählt so viel wie früher Mitarbeiterverantwortung.

Ich und mein Budget

Noch etwas hat an Bedeutung gewonnen: die Fähigkeit – und die Stärke –, ein eigenes Budget zu verantworten. Wenn Mitarbeiter in Summe mehr Eigenverantwortung bekommen, warum nicht auch für das Budget?

Davon gibt es mehrere: das Projektbudget, das Teambudget und das Budget jedes Einzelnen. Projekt- und Teambudgets werden gemeinschaftlich verwaltet, was die Lösungskompetenz der Teilnehmer gewaltig schult. Für sein Einzelbudget ist jeder Mitarbeiter selbst verantwortlich. Er entscheidet, wie er es nützt. Ob für eine Weiter-
bildung oder für den Besuch einer Konferenz  – seine Wahl.

Profis erkennen rasch, wer das Zeug zu einer echten Fachkarriere hat. Das sind die, die in die Tiefe gehen, bei allem, was sie machen. Die trotzdem das große Ganze (und die Menschen!) im Auge behalten. Denen Praxis wichtiger als Theorie ist. Die auch unpopuläre Fragen nicht scheuen. Und die sich niemals mit „gut genug“ zufriedengeben.