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Sehnsucht nach Balkon

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Was man drinnen nicht mehr braucht, aber von dem man sich noch nicht trennen kann, wandert nach draußen auf den Balkon oder die Loggia.

Drinnen ist drinnen. Draußen ist draußen. Das war früher so. Man hätte ja nicht alles überblenden müssen. Doch Wohnungsindustrie und Möbelmanufakturen bilden sich gleichermaßen konsequent etwas ein: Dass die Menschen es so wollen. Weil Menschen ja grundsätztlich gern Dinge nach außen tragen: Haltungen, Jogginghosen, Privatgespräche am Telefon und Lebensstil. Die Möbel gehören da auch dazu. Deshalb schicken die Designfirmen ihre ehemaligen Wohnzimmer-Kollektionen outdoor-tauglich unter den freien Himmel, in einer Stückzahl, als wäre für 2020 der letzte Sommer des Planeten angesagt. Oder weil der Klimawandel die Outdoor-Saison zerdehnt. In Wien wäre ja theoretisch inzwischen auch mehr Platz für Draußen-Möbel. Denn seit 2014 lässt hier die Bauordnungen viel mehr Balkone zu. Und damit auch ästhetische Kuriositäten des Investoren-Wohnbaus. Wo die „U.M.Bau A.G" umtriebig ist, erkennt man etwa an ihren „Signature"-Balkonen. Denn sie verwendet anscheinend überall, wo sie baut, dieselben Modelle. Da dürfte irgendwo ein Container mit Balkonen vom Laster gefallen sein. Aber warum diese Sehnsucht nach Balkon? Damit man auf die Balkone anderer schauen kann? Oder endlich auch vor der Tür rauchen wie im Stammbeisl? Nein. Der eigentliche Zweck ist: Zwischenlager. Was man drinnen nicht mehr braucht, aber von dem man sich noch nicht trennen kann, wandert nach draußen auf den Balkon oder die Loggia. Bis es zerfällt und man es endlich mit gutem Gewissen wegschmeißen kann.

("Die Presse - Schaufenster", Print-Ausgabe, 31.01.2020)