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Junge Forschung

Die Mittelschicht gibt es so nicht

Gloria Kutscher hat sich schon früh für das Thema Diversität interessiert und mit ihrer Dissertation voriges Jahr zwei Wissenschaftspreise gewonnen.
Gloria Kutscher hat sich schon früh für das Thema Diversität interessiert und mit ihrer Dissertation voriges Jahr zwei Wissenschaftspreise gewonnen.(c) Akos Burg
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Die Wirtschaftswissenschaftlerin Gloria Kutscher zeigt, dass Klassen und Schichten viel vielfältiger sind als ihre Bezeichnungen. Sie plädiert für eine ökonomische Umverteilung.

Sind wir alle Mittelschicht? Diese Frage ziert den Titel der Dissertation von Gloria Kutscher, die zuerst an der Uni Wien Psychologie und dann an der WU Wien am Department für Management studiert hat. „Ich habe das Thema Diversität schon immer spannend gefunden und die Frage, wie heterogen bestimmte Gruppen sind. Im Studium hatte ich an wissenschaftlichen Projekten so eine Freude, dass ich auf jeden Fall eine Dissertation machen wollte“, erzählt Kutscher, die nun an der Aalto-Universität in Helsinki als Postdoc forscht.

Zwei Preise im Jahr 2019 brachte ihr die Dissertation „Are we all middle class? A supra-categorical approach to class analysis in Austria“ ein: den AK-Wissenschaftspreis und den Sozialpolitischen Wissenschaftspreis des Sozialministeriums. „Bei der Mittelschicht liegen einige Irrtümer vor“, betont Kutscher. Fragt man die Österreicher nach der Selbsteinschätzung, geben 80 Prozent an, zur Mittelschicht zu gehören. „Das liegt am direkten Vergleich mit dem Umfeld. Aber wenn man sich die Ressourcen und die Kapitalien anschaut, ist die Mittelschicht viel kleiner“, erklärt Kutscher.

"Heute ist es sehr unattraktiv, sich mit der Arbeiterklasse zu identifizieren, weil sie im öffentlichen Diskurs sehr negativ konnotiert ist."

Mit Kapital sind dabei nicht nur ökonomische Vermögenswerte, sondern auch soziale und kulturelle Kapitalien gemeint. Kutscher koppelt in ihrer Analyse die Darstellung der Klassenstruktur (ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital) mit der Diversitätsstruktur, die von Gender, Alter, Haushaltsstruktur oder Migrationsstatus geprägt ist. So ergeben sich fünf Gruppen: eine prekäre Klasse (13 Prozent), die Arbeiterklasse (40 Prozent), Mittelklasse (35 Prozent), wohlhabende Klasse (acht Prozent) und eine Elite (vier Prozent).

„Die oberen zehn Prozent tendieren dazu, sich zur Mittelschicht zu zählen, wenn sie sich mit anderen vergleichen, aber auch die unteren zehn bis 15 Prozent tendieren dazu, sich nach oben zu orientieren“, bestätigt Kutscher. „Heutzutage ist es sehr unattraktiv, sich mit der Arbeiterklasse oder der Unterschicht zu identifizieren, weil diese im öffentlichen Diskurs und in den Medien sehr negativ konnotiert sind: Da heißt es meist, dass man selbst schuld ist, für das, was man nicht hat.“

Der Appell, den Kutscher an die Gesellschaft und die Politik hat, ist, heterogene Klassen anhand ihrer Bedürfnisse und Interessen genauer anzusprechen. „Meines Erachtens kann man heutzutage nicht mehr von einer Mittel- oder Arbeiterschicht sprechen, denn die Bezeichnungen beschreiben nicht die Vielfältigkeit dieser Gruppen.“ Unser Einkommen, und vor allem der Besitz sind als ökonomisches Kapital der Hauptdifferenzierungsfaktor: „Das Fehlen von diesem Kapital kann durch kulturelle oder soziale Kapitalien nicht ausgeglichen werden. Daher ist die ökonomische Umverteilung weiterhin sehr wichtig.“

Marginalisierte oder benachteiligte Gruppen wie Alleinstehende, Alleinerziehende oder Personen mit Migrationshintergrund sind in unserem System gefährdet, wenig Kapital aufzubauen, und dadurch weniger Chancen und Mitsprache in der Gesellschaft zu bekommen. „Soziale Steuerpolitik sollte die Situation dieser Personen verbessern“, plädiert Kutscher etwa für steuerliche Entlastungen, die langfristig zum Erhalt des sozialen Friedens beitragen.

 

Empathie für benachteiligte Gruppen

An der Aalto-Universität in Finnland, wohin sie vor knapp einem Jahr gezogen ist, beschäftigt sich Kutscher nun mit Organisationen, die marginalisierte Gruppen in unserer Gesellschaft und am Arbeitsmarkt gezielter inkludieren wollen. Welche Rolle spielen Werte, die ein Unternehmen in seinen Praktiken festlegt? Wie kann eine Organisation Empathie für benachteiligte Gruppen wie geflüchtete Personen herstellen?

„In Helsinki hat mich nicht nur an der Uni, sondern im allgemeinen Leben beeindruckt, mit welcher Gleichheit, wie sehr auf Augenhöhe sich Menschen hier begegnen. Die geringe Hierarchie hilft dabei, sich optimal zu entfalten und authentisch zu sein.“

Zum Ausgleich nach der Arbeit unternimmt Kutscher gern etwas mit den Freunden vom Department oder spielt einige Stücke auf dem universitätseigenen Klavier.

Zur Person

Gloria Kutscher (geboren 1985) studierte an der Uni Wien Psychologie. Die Dissertation am Department für Management der WU Wien beschäftigte sich mit der Einteilung der Gesellschaft in Klassen und Schichten und den Themen Diversität und Ungleichheit. An der Aalto-Universität in Helsinki sucht Kutscher weiter nach neuen Wegen zu positiven sozialen Veränderungen.

 

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2020)