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Wort der Woche

Energie und Werte

Die moralischen Wertvorstellungen ändern sich langfristig – und zwar abhängig von der Art der Energiegewinnung, meint ein Historiker.

Warum leben wir so, wie wir leben? Wie entwickelten sich unser Zusammenleben und unsere Werte? Wie entstand unser heutiger Lebensstil? Auf diese Fragen wurden schon viele Antworten gegeben – etwa Einflüsse von Genen und der Natur, die Geschichte von Kultur und Institutionen oder demografische und ökonomische Faktoren. Eine radikal neue Antwort kommt nun vom Historiker Ian Morris (Stanford University): In „Beute, Ernte, Öl: Wie Energiequellen Gesellschaften formen“ (425 S., DVA, 26,80 €) führt er aus, dass die menschliche Kultur drei Phasen durchlaufen hat, die von der Art der Energiegewinnung geprägt waren: Jägern und Sammlern standen 4000 bis 8000 Kilokalorien (kcal) pro Kopf und Tag zur Verfügung. Durch die Erfindung der Landwirtschaft stieg das Energieangebot auf 20.000 bis 30.000 kcal, seit der Nutzung fossiler Energie auf mehr als 200.000 kcal.

Morris' zentrale These lautet, dass das Energieangebot (und die dadurch möglichen Technologien) bestimmt, wie viele Menschen wie dicht zusammenleben können – und daraus ergeben sich Gesellschaftsformen und die dazugehörigen menschlichen Werte: Wildbeuter lebten in einer egalitären, aber gewalttätigen Gesellschaft. Agrargesellschaften waren hierarchisch gegliedert und weniger brutal. Unsere Fossilenergiegesellschaft schließlich ist ausgesprochen egalitär und viel weniger gewalttätig als alle früheren Gesellschaften.

Den Mechanismus dahinter beschreibt Morris so: Ausgehend von stammesgeschichtlich erworbenen Grundwerten wie Gerechtigkeit, Liebe oder Selbstschutz spielten sich im Konkurrenzkampf der Menschen „Millionen winzige Experimente“ ab, bei denen sich jene Lebensweisen und Moralvorstellungen durchsetzten, die am geeignetsten waren, die verfügbare Energie bestmöglich zu nutzen. Somit hat jedes Zeitalter die Werte, die es braucht.

Diese These hat eine dramatische Konsequenz: Wenn sie wahr ist, dann sind moralische Systeme „bloß“ kulturelle Anpassungen an sich verändernde Bedingungen. Die philosophische Suche nach universellen menschlichen Werten sei dann Zeitvergeudung, so Morris. Das stößt freilich vielen Geisteswissenschaftlern sauer auf – die mit scharfer Kritik reagierten. Diese laufende Debatte wird auch in dem Buch abgebildet: Enthalten sind vier kritische Texte, zu denen der Historiker am Ende wieder Stellung nimmt. Klar wird dabei, dass das letzte Wort über seine Thesen noch nicht gesprochen ist. Als Leser des Buchs kann man diesem Diskussionsprozess quasi erste Reihe fußfrei folgen.


Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist derzeit freier Wissenschaftsjournalist.

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diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2020)