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„Countdown“

Der Dämon aus dem Smartphone

Eine Krankenschwester (Quinn Harris) versucht, dem Mechanismus des Todes auf die Spur zu kommen.
Eine Krankenschwester (Quinn Harris) versucht, dem Mechanismus des Todes auf die Spur zu kommen.Constantin
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Im Horrorthriller „Countdown“ bekommen Jugendliche via App das Sterbedatum vorhergesagt. Das Spiel mit der Angst vor dem angekündigten Tod hat filmische Tradition.

Der moderne Mensch bemüht sich um Selbstoptimierung, und das Smartphone ist ihm dabei sein bester Freund. Man speist freudig seine biometrischen Daten in den digitalen Strom ein und erhält Informationen zu Gesundheitszustand, zu sich genommener Kalorienanzahl und vielem mehr. Insofern ist die Vorstellung einer Applikation, die den Todeszeitpunkt sekundengenau voraussagt, gar nicht so abwegig. „Countdown“ heißt sie im aktuellen US-Schocker gleichen Titels und wird von einer Runde besoffener Jugendlicher zwecks Partygaudi auf ihren Handys installiert. Die Nutzungsbedingungen werden ungelesen weggeklickt und die eigene Lebenserwartung mit der von anderen verglichen. Mit nur knapp über drei Stunden verbleibender Zeit ist eine junge Frau klare Verliererin. Tatsächlich stirbt sie noch in derselben Nacht, und zwar pünktlich auf die Sekunde. Der Film hat damit seinen dramaturgischen Mechanismus etabliert, eine zufällig in die Handlung stolpernde Krankenschwester versucht ihn zu erforschen und auszuhebeln.

Todesomen und Vorhersehungen sind natürlich kein modernes Phänomen: Aber während die Auguren, Orakel und Eingeweideleser der Vergangenheit noch eher kryptisch prophezeiten, gibt es im digitalen Zeitalter mit exakt auf die jeweiligen User zugeschnittenen Informationen keinen Interpretationsspielraum mehr. Eine vom Google-Konzern entwickelte künstliche Intelligenz schaffte es unlängst in einem Testlauf, gefüttert mit Daten von Krankenhäusern, treffsicher den Zeitpunkt der Entlassung von Patienten und die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Gesundheitsprobleme vorherzusagen.

Sentimentales Kino erzählt gern von Menschen mit unheilbaren Krankheiten und schlechten Prognosen, ob in Dramen wie Isabel Coixets „Mein Leben ohne mich“ (2003) oder Tragikomödien wie „Indien“ (1993). Das Wissen um die eigene Endlichkeit führt bei den Figuren meist zu einem bewussteren Erleben der Welt, die auch den Zuschauern im Sinn eines Carpe Diem anempfohlen wird. Kündigt sich hingegen nicht der individuelle Tod, sondern gleich der Weltuntergang an wie in Stefan Ruzowitzkys Serie „8 Tage“ (2019) oder im australischen Thriller „These Final Hours“ (2013), dann ist für Gefühlsduselei weder Zeit noch Platz, dann zerbröselt nicht nur der Einzelne, sondern die Zivilisation als solche.

 

Nutzungsbedingungen durchlesen!

Horrorfilme wie „Countdown“ interessieren sich für derartig natürlich oder apokalyptisch begründetes Ableben genrebedingt wenig. Stattdessen wird die Todesdrohung eines menschlichen oder der Todesfluch eines paranormalen Übeltäters zum dramaturgischen Anker. Der Österreicher Andreas Prochaska emulierte in seinem Teenie-Slasher „In 3 Tagen bist du tot“ (2006) ähnlich gelagerte US-Filme der späten Neunzigerjahre, im Besonderen „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“ (1997). Eine Textnachricht kündigt darin Maturanten ihr Ableben an. Um dem Absender (und Mörder) auf die Schliche zu kommen, fordert das Drehbuch von den Figuren eine Turbokatharsis, im Zuge derer schließlich verdrängte (böse) Taten ans Licht kommen.

Das Aufdecken von vergangenen Verbrechen und die damit verbundene Erlösung eines bösen Geists war auch Essenz einer ganzen Reihe von japanischen Filmen mit Countdown-Dramaturgie, die maßgeblich von Hideo Nakatas elegant-minimalistischem Schocker „Ringu“ (1998) inspiriert wurden. Ein Videoband mit verstörenden Bildern belegt darin jeden, der es gesehen hat, mit einem Fluch, der nach sieben Tagen zum Tod führt. Die inhaltlich spannendste Variation auf das Thema lieferte allerdings ein US-Horrorfranchise: In „Final Destination“ (2000) sieht ein Jugendlicher den Absturz jenes Flugzeugs voraus, in dem seine Schulklasse nach Paris reisen soll. Nach einer Panikattacke und anschließendem Handgemenge werden er und eine Handvoll anderer der Maschine verwiesen, die tatsächlich kurz nach dem Start explodiert.

Doch dem Tod entkommt man bekanntlich nicht: Die Überlebenden sterben bei unerklärlichen Unfällen. Auch in „Countdown“ versuchen die Betroffenen alles, um dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen, was freilich den Nutzungsbedingungen der App widerspricht und den Dämon dahinter zu Höchstleistungen anspornt. Insofern hat dieser unterdurchschnittliche Grusler immerhin einen pädagogischen Mehrwert: Besser alles genau durchlesen, bevor man sich eine App auf das Handy lädt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2020)