Schnellauswahl
Kolumne zum Tag

Das Geheimnis des Erfolgs türkischer Fernsehserien

Man Watching TV,model released, Symbolfoto,property released PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY 03C01774
Beim Fernsehen gibt es unterschiedliche Vorlieben und Gewohnheiten. Allein eine Seifenoper zu sehen, ist in Ländern wie etwa der Türkei nicht sehr verbreitet.imago images/ingimage
  • Drucken
  • Kommentieren

Statt auf Tempo setzen türkische Serien auf Entschleunigung und erobern damit weltweit große Märkte. Dahinter steckt eine Fernsehkultur der Gemütlichkeit.

Wer TV-Serien mag, hat bestimmt mitbekommen, dass sich darin das Tempo der Erzählung seit einigen Jahren zunehmend beschleunigt. Fast wie bei Kinofilmen: keine unnötige Einstellung zu viel. Keine in die Länge gezogenen Dialoge, in denen jedes Detail des Inhalts erklärt wird. Keine sekundenlangen, mit dramatischer Musik hinterlegten Nahaufnahmen, wenn jemand seine Freundin in flagranti mit seinem besten Freund erwischt. Wie fast immer bei solchen Entwicklungen gibt es parallel dazu auch eine Gegenbewegung – interessanterweise angeführt von türkischen Serien, die zwar im deutschsprachigen Raum kaum Beachtung finden, sich aber weltweit enormer Beliebtheit erfreuen und in Dutzende Länder verkauft werden.

Viele von ihnen zeichnet eine außergewöhnlich langsam erzählte Handlung aus. Was in einem Kinofilm höchstens zehn Minuten ausmachen würde, füllt in diesen Serien locker eine 60-minütige Folge. Geschuldet ist dieses Stilmittel einer über Jahrzehnte gewachsenen Private-Viewing-Kultur, die in Ländern wie der Türkei, Griechenland, Brasilien und im arabischen Raum geradezu zelebriert wird. Gemeint ist das Fernsehen in größeren Gruppen, während gleichzeitig gegessen, getrunken und geredet wird. Klar, dass man dabei schon einmal eine wichtige Passage verpassen kann. Damit das nicht passiert, dauern die Szenen dreimal so lang wie nötig. Besonders deutlich wird diese Eigenheit, wenn eine der Serien wegen des großen Erfolgs auch für das Kino adaptiert wird. Der Tempo-Unterschied ist dann so deutlich, dass der Großteil des Publikums, das naturgemäß aus Fans der Serie besteht, verschreckt wird. Weswegen Verfilmungen auch eher selten sind.

Vielleicht ist dieses Phänomen ein gutes Beispiel für den einen fundamentalen Unterschied zwischen Kinofilmen und klassischen TV-Serien. Erstere liefern die Zutaten für ein Gericht, zubereiten muss man es selbst. Letztere hingegen bieten die fertige, garnierte und gesalzene Mahlzeit. Nur für die Weinbegleitung ist man selbst zuständig.