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Druck auf Siemens wächst

Roland Busch (r.) wird als Nachfolger von Joe Kaeser gehandelt.
Roland Busch (r.) wird als Nachfolger von Joe Kaeser gehandelt.imago images/Sven Simon
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Am Industriekonzern wird viel Kritik von Investoren und Demonstranten laut. Aber Siemens-Chef Joe Kaeser bleibt gelassen.

München/Wien. Es könnte seine letzte Hauptversammlung an der Spitze von Siemens gewesen sein. Denn der Vertrag von Joe Kaeser läuft mit Jahresende aus. Doch leise wird es um den Bayern nach mehr als sieben Jahren auf dem Chefsessel des deutschen Industriekonzerns nicht. Zum Aktionärstreffen am Mittwoch wurde von allen Seiten Kritik laut.

Mit Megaphonen protestierten 130 Demonstranten vor der Münchner Olympiahalle gegen die Geschäftspolitik von Siemens. Mehrere Dutzend Polizisten und Wachleute beobachteten Klimaaktivisten, wie sie das Dach der Konzernzentrale besetzten und ein Transparent mit der Aufschrift „Buschbrände beginnen hier“ entrollten. Andere hielten Plakate mit Schriftzügen wie „Kohlemine stoppen“, „Siemens & Co. enteignen“ oder „Menschenrechte für Uigur*innen“. Damit wollen die Protestierenden Siemens zum Rückzug aus einem umstrittenen Kohlemineprojekt in Australien bewegen. Siemens beliefert den indischen Minenbetreiber Adani mit Zugsignaltechnik. Der Auftragswert liegt bei 18 Mio. Euro – für den Industrieriesen ein Miniauftrag.

Dennoch stoßen die Forderungen bei Kaeser auf taube Ohren. Er hält an dem Auftrag fest, weil er um den Ruf von Siemens als verlässlicher Vertragspartner fürchtet.

 

Acht Misstrauensanträge

Inzwischen muss sich Kaeser auch von der Investorenseite einiges anhören. „Der Fall Adani war ein kommunikatives Desaster für Siemens“, sagte Portfoliomanagerin Vera Diehl von Union Investment. Bei einer sorgfältigen Prüfung aller Umwelt- und Reputationsrisken hätte Siemens diesen Auftrag niemals unterzeichnen dürfen, kritisierte die Fondsmanagerin beim Aktionärstreffen.

Acht Siemens-Aktionäre sprachen daher Kaeser das Misstrauen aus und legten Anträge gegen seine Entlastung vor. Zustimmung erhielten sie allerdings nicht. Dennoch sind sie ein Zeichen des Unmutes unter den Investoren.

„Unternehmen, die in Sachen Klimaschutz nicht liefern, werden es auf dem Kapitalmarkt künftig immer schwerer haben und abgestraft werden“, prophezeit Diehl. Schon jetzt gerät Siemens ins Strampeln. Das Flaggschiff der deutschen Wirtschaft startet mit einem deutlichen Gewinnrückgang ins neue Geschäftsjahr. Die Zahlen haben die Experten kalt erwischt.

Das bereinigte operative Ergebnis aus dem Industriegeschäft, die meistbeachtete Kennziffer, brach im ersten Quartal um 30 Prozent auf 1,43 Mrd. Euro ein. Analysten hatten im Schnitt 45 Mio. Euro mehr erwartet. Ausgerechnet das Aushängeschild, die Industrieautomatisierung, litt unter dem Abschwung in der Autoindustrie und im Maschinenbau und musste einen operativen Gewinnrückgang um ein Drittel hinnehmen.

 

Siemens spaltet sich auf

Ebenso zeigte das vor der Abspaltung stehende Energietechnik-Geschäft Schwächen. Der operative Gewinn in diesem Sektor brach um fast zwei Drittel ein. „Die unbefriedigende Situation im gesamten Energiegeschäft macht deutlich, wo der primäre Handlungsbedarf liegt“, sagte Kaeser und forderte den Siemens-Energy-Chef, Michael Sen, auf, bessere Zahlen zu liefern. Siemens Energy soll im September separat an die Börse gebracht werden, Siemens will dann die Mehrheit abgeben.

Doch die geplante Abspaltung wird durch die Adani-Debatte belastet. Denn Siemens Energy macht einen Großteil seines Umsatzes mit Turbinen und Dienstleistungen für Kohle- und Gas-Kraftwerke.

Zu Siemens Energy gehört auch die spanische Windkraft-Tochter Siemens Gamesa. Sie gilt als Hoffnungsträger für die Energiewende, rutschte allerdings in die roten Zahlen. Dennoch will Siemens mit 1,1 Mrd. Euro seine Gamesa-Anteile auf 67 Prozent aufstocken. Das soll den Wandel in Richtung Nachhaltigkeit beschleunigen.

 

Kaesers Nachfolge unklar

Dafür wird Kaeser ab nächstem Jahr nicht mehr verantwortlich sein, zumindest nicht als Vorstandsvorsitzender. Das steht fest. Wer dann den Konzern führen wird, ist noch unklar. Der Aufsichtsrat hatte zwar schon im Herbst den Technologie-Chef, Roland Busch, zum designierten Nachfolger Kaesers nominiert. Der hatte aber mit einer Verlängerung seines noch ein Jahr laufenden Vertrages kokettiert. Eine endgültige Entscheidung des Aufsichtsrats steht noch aus. Und Kaeser? Für einen Wechsel in den Aufsichtsrat müsste er eine Cooling-off-Periode von zwei Jahren abwarten, bei Siemens Energy nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2020)