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Gastkommentar

Höbelt-Bashing und die Freiheit der Wissenschaft

(c) Peter Kufner
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Die Leitung des Instituts für Geschichte verkennt, dass es bei der Affäre um Lothar Höbelt nicht um seine Person geht.

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Nach den Stellungnahmen des habilitierten (Michael Pammer: „Was Lothar Höbelts Kritiker nicht bedenken wollen“, „Presse“ vom  25. Jänner) und des nicht habilitierten Universitätslehrers (Thomas Angerer: „Gibt es eine Lehrfreiheit ohne Verantwortung?“, „Presse“ vom 30. Jänner) sollte auch einer von Höbelts Studenten zu Wort kommen dürfen.

Aus studentischer Sicht besticht zunächst Lothar Höbelts rhetorisch geschliffener Vortrag, den er mit pointierten, manchmal auch provokanten Bemerkungen würzt. Er ist einer der ganz wenigen Universitätslehrer, die ohne jede schriftliche Unterlage oder Spickzettel seine Vorlesungen vollkommen frei halten. Das kann sich nur leisten, wer über ein außergewöhnlich breites Wissen verfügt.

In  den Vorlesungen und Seminaren, die ich besucht habe, hat Lothar Höbelt nichts geäußert, was in irgendeiner Weise mit dem Etikett „rechtsradikal“ versehen hätte werden können. Sein Anliegen besteht ganz im Gegenteil darin, Kausalitätsstränge herauszuarbeiten, die historische Entwicklungen überhaupt erst darstellbar machen.

Neutrale Herangehensweise

Im Grunde ist das nichts anderes als der (oft gelungene) Versuch, die Frage nach jener „Verkettung der Umstände“ zu beantworten, die Max Weber – einer der unumstrittenen Säulenheiligen der Geisteswissenschaften – in den Vorbemerkungen zu seinen „Gesammelten Aufsätzen zur Religionssoziologie“ aufgeworfen hat. Diese Herangehensweise ist prinzipiell neutral und durch keine Ideologie – weder links noch rechts – belastet.

Bei dieser Herangehensweise bleibt Höbelt konsequenterweise auch bei belasteten Perioden der Geschichte wie der Nazizeit und deren Aufarbeitung. Darin liegt wohl auch der Kern des Konflikts mit linksradikalen Studenten und der Hochschülerschaft (ÖH). Betroffenheitsbekundungen oder moralische Verurteilungen, wie sie bei der Behandlung solcher Themen gerade auch von der FPÖ nahestehenden Personen gefordert werden, darf man bei  Höbelt nicht erwarten, weil dies seinem nüchternen Verständnis von Wissenschaftlichkeit widerspricht.

Da sich in seinem umfangreichen wissenschaftlichen Oeuvre nichts Vorwerfbares findet, können gegen Höbelt auch nur die eine oder andere pointierte Bemerkung oder der eine oder andere (auch bewusst) provokant geäußerte Vergleich ins Treffen geführt werden, die auf politische Korrektheit keinerlei Rücksicht nehmen. Erschreckend ist aber die Methode, mit der man einen unliebsamen Universitätslehrer zu diffamieren versucht – letztlich ist das ein Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit.

Nachdem sie ein paar Sprüche geklopft hatten, entfernten sich die Aktivisten wieder. Das Gespräch mit Höbelt suchten sie nie.

Im vergangenen Wintersemester fanden sich zu Beginn jeder seiner Vorlesungen linksradikale Aktivisten (Studenten?) ein, die Transparente mit Slogans à la „Nazis raus“ oder auch Verse im Stil von Kinderreimen zeigen, in denen „Höbelt“ mit „ausgepöbelt“ gereimt wird. Nachdem sie ein paar Sprüche geklopft hatten, entfernten sich die Aktivisten wieder. Das Gespräch mit Höbelt suchten sie nie.

In der Folge besuchten gleichsam als Gegengewicht korporierte Studenten und Identitäre die Vorlesung (die grundsätzlich jedem Interessierten offensteht), entrollten ihrerseits Transparente am Ende der Vorlesung und klopften Sprüche mit gegenteiligem  Vorzeichen – gleichsam ein Protest gegen den Protest. Jetzt reagierte auch die Institutsleitung – aber nicht so, wie man es vernünftigerweise erwartet hatte.

Überwiegend linkes Umfeld

Sie appellierte nicht etwa an beide Seiten, künftig die Freiheit der Wissenschaft und ihrer Lehre zu respektieren, die wechselseitigen Proteste zu unterlassen und Höbelt seine Vorlesung halten zu lassen. Nein, sie verlangte vielmehr von ihm – so die Darstellung der Institutsleitung –, er möge die Identitären auffordern, ihre Proteste zu unterlassen, was er indessen nicht tat.

Nie war die Rede davon, dass das Institut eine analoge Aufforderung an die linken Aktivisten, immerhin die Urheber des Konflikts, zu richten gedachte. Dies konnte leider nicht überraschen: In einem politisch überwiegend links stehenden Umfeld wie den geisteswissenschaftlichen Instituten der Universität Wien werden stets nur rechte, nicht aber linke Gruppierungen gemaßregelt.

Die Vorlesung am 14. Jänner fand schließlich nicht statt, weil linke Aktivisten die Zugänge zum Hörsaal blockierten, also letztlich Höbelt und seine Studenten gewaltsam daran hinderten, die Vorlesung abzuhalten beziehungsweise zu besuchen – eine Vorgangsweise, die, freilich mit diesmal umgekehrtem Vorzeichen, sehr an die Zustände an der Universität vor und nach dem Anschluss an Nazideutschland 1938 erinnert.

Die Unfähigkeit zuzuhören

Wer sich ein Bild machen will, wie die Österreichische Hochschülerschaft mit einem ihr unliebsamen Universitätslehrer umgeht, sollte sich die vom „Standard“ organisierte und online gestellte Diskussion Höbelts mit der Vorsitzenden der ÖH, Jasmin Chalendi, ansehen: Eine aggressive junge Frau, die ihrem Gesprächspartner immer wieder ins Wort fällt und niederzureden versucht, ist weder willens noch in der Lage, zuzuhören und auf dessen Argumente einzugehen.

Da sich Chalendi mit dem Schaffen Höbelts ganz offenkundig nicht auseinandergesetzt hat, kann sie auch nur stereotyp ein von Höbelt verwendetes Göring-Zitat oder die Tatsache, dass er auch in anrüchigen Medien publiziert hat, wiederholen. Eine menschenverachtende Methode, wenn man bedenkt, dass ihr Ziel die „Entfernung“ Höbelts von der Uni ist.

Eine Universität sollte ein Ort sein, in dem das vorurteilslose, kritische, wissenschaftliche Denken gelehrt und gelebt wird. Gerade in den Geisteswissenschaften, die im Gegensatz zu den Naturwissenschaften die Validität ihrer Erkenntnisse nicht durch Experimente untermauern oder falsifizieren können, sind unterschiedliche Standpunkte die Regel und die Bedingung für einen solchen wissenschaftlichen Diskurs. Diesen Diskurs sicherzustellen, ist die Aufgabe einer Universität.

Ein Prüfstein für die Uni

Wenn ein Professor auf universitärem Boden Ansichten vertritt, die den Tugendwächtern der politischen Korrektheit missfallen mögen, aber lege artis begründet sind, hat sich die Universität als Anstalt der Kritik daran zu enthalten (dies gilt selbstverständlich nicht für die Angehörigen der Universität als Personen) und die ungehinderte Abhaltung seiner Lehrveranstaltungen zu ermöglichen. Höbelt war und ist der Prüfstein, ob die Uni Wien diese Bedingung erfüllt.

Den linken Aktivisten wird das Feindbild Lothar Höbelt mit dessen Pensionierung im nächsten Jahr abhandenkommen. Der Lehrkörper der Universität Wien wird aber zugleich einen unangepassten Professor verlieren. Dies ist kein Gewinn für den freien wissenschaftlichen Diskurs.

Der Autor

DDr, Peter Fitl (*1952) studierte Rechts-  und Politikwissenschaft. Er war in der Anwaltschaft und in der Mineralölindustrie, zuletzt als Bereichsleiter Recht der BP Austria AG, tätig.  Danach studierte er Geschichte (Abschluss 2017). Er ist in die Liste der Strafverteidiger eingetragen und publiziert zu  militärrechtsgeschichtlichen Themen.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2020)