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Des Abends ein Wohlsein

Briefe an Amalia: unser erster Urlaub – und das Geheimnis Deiner Schwimmbewegungen.

Auf einmal der Canal Grande. Nach acht Stunden Fahrt waren wir aus dem Zug gestiegen und ein paar Schritte gegangen. Es war dunkel, etwas diesig, ein leichter Nebel hüllte die Kirchen und Palazzi auf der gegenüberliegenden Seite ein. Möwen kreischten, wir zeigten unserer Löwin den Markuslöwen. Es war so schön, dass wir Tränen in den Augen hatten. Unser erster Urlaub.

Die erste Reise mit dem Zug zu Deinen Großeltern und Deiner Urgroßmutter hatte Dir gefallen. Auf der Rückfahrt aus Berlin waren wir bis Prag gut gelaunt im Kinderabteil gesessen, umgeben von Benjamin Blümchens und anderen tierischen Freunden. Obwohl der Zug ab Prag überbesetzt war, bliebst Du ruhig – bis Brünn. Da begannst Du herzzerreißend zu schreien. Du hörtest nicht mehr auf, Dein Gesicht war hochrot. Wir waren verzweifelt, gingen mit Dir aus dem Abteil, wanderten durch den Zug, es nützte nichts.

Wir standen hilflos vor der Toilette, als eine Frau auf uns zukam. Sie könne uns helfen. Und wie?, fragte Deine Mutter. Ich erwartete einen Angriff, weil man uns immer wieder ungefragt mitteilt, was gut und was schlecht für Dich sei. Den Bauch streicheln, sagte die Frau, außerdem seist Du viel zu warm angezogen. Bitte, sagte Deine Mutter und beobachtete aufs Genaueste, wie Dich die Frau auszog und Deinen Bauch mit festen Strichen zu massieren begann. Zehn Minuten später warst Du ruhig. Dein Gesicht war wieder weiß, Deine Mutter fiel der Unbekannten um den Hals. Wir hatten gelernt, dass es Dir im Kinderwagen leicht zu warm werden kann.

 

Deine Aufregung beim Aufbruch

Seither ist Zugfahren einfacher. Wir spüren Deine Aufregung beim Aufbruch, weil Du die unsere zu spüren scheinst. Dieser Tage bist Du auf großer Entdeckungstour: Du verstehst immer besser, mit Deinen Fingern umzugehen, begutachtest den Schnuller minutenlang aus allen Perspektiven, ehe Du ihn in den Mund zurücksteckst, selbst das Fläschchen kannst Du beim Trinken mittlerweile selbst halten. Du hast große Lust am Produzieren unterschiedlichster Laute; gerade fandest Du heraus, wie Du prusten und den Schnuller in weitem Bogen ausspucken kannst. Seit einiger Zeit beobachten wir besonders vor dem Einschlafen gewisse Bewegungen, die wir Schwimmübungen nennen und die Dich zu erschöpfen scheinen.

Wir waren mit dem Vaporetto gefahren, durch enge Gässlein zu unserer Wohnung gegangen, hatten einander darauf hingewiesen, dass es mit dem Kinderwagen bei all den Brücken nicht einfach sein werde, als wir uns endlich auf die Couch legen wollten. Deine Mutter kam besorgt von Deinem Bettchen zurück. Die Schwimmübungen. Der heiße Kopf. Das sei nicht mehr normal.

Es war zehn Uhr abends. Glücklicherweise ist Deine Kinderärztin unsere Freundin. Sie geht davon aus, Du werdest sie eines Tages für eine gewisse Zeit privat nicht so gern sehen wollen – wenn Du sie mit Spritzen, Abhorchen und Krankheit assoziierst. Deine Mutter rief sie an. Ich hörte ihre Schilderung Deiner Bewegungen, die ich Bauchmuskelübungen genannt hatte: das rote Gesicht, die Beintempi auf dem Rücken wie beim Bauchschwimmen, das Anhalten des Atems und das heftige Keuchen, möglicherweise ein umgekehrtes Krabbeln, obwohl Du nur äußerst zarte Krabbelversuche unternimmst. Da hörte ich Deine Mutter lachen. Als sie auflegte, fragte ich, was unsere Freundin gesagt habe. Deine Mutter solle nicht schockiert sein, habe die Kinderärztin gesagt, bei Buben sei es offensichtlicher, komme aber natürlich auch bei Mädchen vor. Du habest herausgefunden, dass Dir diese Bewegungen ein wohliges Gefühl verschafften. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2020)