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Land der Mythen

Sehnsucht nach Erleuchtung? Reflexe auf den Titanismus unserer ökonomisch-industriellen Organisation? Herbert Brandls Berge, Anselm Kiefers Welt ohne Liebe, die Skulpturenrätsel des Franz Rosei, Walter Pichlers Kindheitsland und die Lichtwolke über dem Great Salt Lake: eine Reise in die Kunst.

Lasse ich mich auf die Berg- oder Gebirgsbilder von Herbert Brandl ein, ist es nicht wegen der Weiße seiner Schneefelder. Die kenne ich von Segantini her, die kahlen, aperen Gipfel von Egger-Lienz, die Rosa-Tönung von Felsen aus „Berge in Flammen“; Gefahr und Mythos der Gipfel, das ist Reinhold Messner, die bis ins Groteske reichende Rekordsucht kommt mir sehr bekannt vor. Es gibt einen Titanismus bei Brandl, der zugleich von innen wie von außen kommt: Von innen der Wunsch, bis auf den Grund der Farbe vorzudringen – weißer als Weiß, blauer als Blau et cetera –, äußerlich der Wunsch nach Großformat, Imposanz, Überwältigung. Viele Brandl-Bilder balancieren auf einem schmalen Grat (Alpinismus!): Auf der einen Seite droht der Absturz ins Banale einer schlechten Replik, doppelt banal, weil Replik in Vergrößerung; auf der anderen Seite der Abflug in unbetretene Sphären.
Stehe ich etwa vor einem der großen Gipfelbilder, wandere ich mit dem Blick am Grat entlang, wie ein Bergsteiger, der tatsächlich vor einem Berg steht. Auf Brandls Bild steigen Farbnebel auf, der Gipfel scheint sich zu entziehen, er verhüllt sich, zeigt mir die Faust. Und dann kommen die Farben: das blaueste aller Blaus et cetera.
Man könnte sagen: Brandl will sich stark ausdrücken. Erst wenn er die höchste Intensität gefunden hat oder gefunden zu haben glaubt, glaubt er auch sich selbst. Dicke Luft ist die Luft, die Brandl sucht, sein Elixier.
Marotte? Machismo? Reflexe auf den Titanismus unserer technischen, ökonomisch-industriellen Organisation? Brandls Berge wären dann Kürzel für die Verklärung, die Entgrenzung der globalisierten Wirtschaft, für das Ubiquitäre moderner Kommunikation, für den Willen zur Macht und die Ambivalenz, die er jederzeit in uns auslöst? Versprechen und Glimmer, Panik und Lust.

Anselm Kiefer baut uns lauter letzte Landschaften hin, gewaltige Bühnen, auf deren Brettern jederzeit das Großartige eintreten kann. Im Glücksfall gelingt es ihm, das Gewünschte herbeizuzitieren mit der Macht des Zauberers, des Schamanen. Öfter bleibt er im Schnürboden seines Welttheaters hängen, er verheddert sich irgendwo in der Literatur, in germanischen Heldensagen, bei Richard Wagner, in der Bibel, sogar noch im Stacheldraht der Konzentrationslager. Da tritt kein Merlin auf, kein Moses, nicht einmal ein Cagliostro, und alles bleibt zugeschmiert mit grauer Farbtunke: Der Zauber hat nicht gewirkt.
Kiefer begrüßt uns in einer Welt ohne Liebe, einer Welt ohne Mitleid und Barmherzigkeit. Die Illusionen des Sinns, Zitat nach Kiefer, die er für uns schafft, sind Trieblinge einer Sorte Weisheit, die von der Erbärmlichkeit unseres Lebens nichts wissen will. Weisheit? „Oh wunden-, wundervoller Speer“, schreibt er etwa auf eine Zeichnung, in der ein manisch hingeschmierter Pfeil das Vordringen russischer Panzerkeile Richtung Mitteleuropa darstellt. Da ist mir John le Carré mit seinen immerhin gelegentlich menschlich daherkommenden Militärs und Agenten noch lieber. Es stimmt ja: Vergeblich richten wir unsere Blicke nach den Sternen, um damit eine Rechnung auf unser Schicksal aufzumachen. Wie sollte das auch gelingen? Ein Weinen, leise und meinetwegen hündisch, will sich da bei mir aufdrängen, ich bin kein Mann der Oper.

In einer Welt, die nicht am Ärmel gehalten werden will, sinken die Rätsel, die Franz Rosei mit seinen Skulpturen stellt, leicht in ein Durcheinander von natürlichen und künstlichen Dingen zurück: wie Felsen oder Bäume; oder Leitschienen an der Autobahn, Lichtmasten, die auch keiner beachtet, weil wir jetzt ein Leben führen, in dem wir nicht wissen (und meist auch nicht wissen wollen), was für ein Leben das ist. Das Traumverhangene, tief Verträumte dieser Art von Treiben sollte uns die Tatsache nicht verbergen, dass es das eine ist, aufs Fragen aus zu sein, das andere aber, den Fragen, wie sie sich stellen, nicht aus dem Weg zu gehen.
Wie kann man nur mit Steinen träumen, der Härte des Meisels verpflichtet?
Stele und Liegende, Torso und Kopf (Porträt), damit ist das Programm beisammen, das Rosei bedient. Die Form gibt den Raum vor, in dem er seine Abenteuer fixiert: Frage, Nachforschung, Behauptung. Der Job ist dreckig, das Ergebnis macht sich gut. Einmal = immer. Als Ismael, Melvilles Held aus „Moby Dick“, in Nantucket jenes Logierhaus betritt, in dem die an Land gegangenen Walfänger unterkommen, entdeckt er im dämmrigen Flur ein großes Gemälde, auf dem, wir ahnen es, das Weltschauspiel dargestellt ist. Das Bild ist allerdings alt, verrottet und voller Flecken. So kann Ismael, wie sehr er sich auch müht, nicht klären, was genau ihm da vorgeführt wird. Das scheint freilich nicht viel an Einsicht zu sein, und ist doch wieder viel, weil eben das Mögliche. Schau hin!

Walter Pichler, Mythenbauer: Ganz im Gegensatz zu Kiefer ist es Pichlers Sache nicht, uns die alten Mythen vorzuerzählen. Es gibt eine frühe Zeichnung, die den erwachsenen Pichler, in der Laubhütte seiner Kindheit liegend, zeigt, da stehen natürlich die Beine heraus. Vertrieben aus dem Kindheitsland, besteht die Aufgabe nun darin, eine größere Hütte zu bauen, in der alle Erfahrung Platz hat. Einen goldenen Ast in die Krone eines Baumes zu fügen, dort einzupflanzen, war einmal Pichlers Traum gewesen. Nun, er ist dieser goldene Ast geworden. Gebündelte Holzstäbe, zu Flößen schön gefügt, treiben einen Fluss hinunter. Die Flöße werden uns, an Drähten befestigt, frei schwebend präsentiert. Sehr präzise und beherrscht sieht alles aus. Und doch, der Sog, die Strömung! Stehen wir am Ufer des Acheron? Sollte es ein sonnenloses Meer sein, uns Lebenden ganz aus der Welt, wo er mündet?

Von Salt Lake City führt Interstate 15 nach Norden, im Großen und Ganzen parallel zum Ufer des Sees. Nach einer guten Stunde biegst du auf den Highway 365 ein, es folgen Kreuzungen, Weggabelungen, leeres Land, bis du auf Schotterstraßen das gänzlich leere Seeufer erreichst. Die Reflexion des Sonnenlichts an der Seeoberfläche, vervielfacht durch die Salzpartikel in seinen Wassern, erzeugt eine Lichtwolke, eine Art gleißenden Nebel. Da ist der Pier, der „Spiral Jetty“, dessentwegen du den langen Weg gekommen bist: An seinem seeseitigen Ende zur Spirale eingerollt, streckt sich der Pier, aus lockerem Geröll aufgeschüttet, geradeaus von dir weg in den See. Was fasziniert dich denn so? Ort der Ödnis, die Einsamkeit, der Wahnwitz der ganzen Unternehmung? Unweit von seinem zweiten Großprojekt, der Ramp bei Amarillo, Texas, ist Robert Smithson mit seinem Flugzeug in Steine und Disteln gestürzt: ein mythischer, ein amerikanischer Tod? ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2020)