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Von Hiroshima bis Fukushima

Judith Brandners einfühlsame Reportagen über Japan heute – anhand von Schlüsselthemen.

Die bekannte österreichische Journalistin, Publizistin und Japanologin Judith Brandner hat sich – wie wohl kaum jemand in Österreich – profund, differenziert und kritisch mit Japan auseinandergesetzt. Seit mehr als 30 Jahren besucht Brandner regelmäßig dieses Land. Dort unterrichtete sie an verschiedenen Universitäten, sie hat Freunde und Bekannte in allen Regionen und Bevölkerungsschichten, vor allem aber hat sie den geübten, professionellen Blick für das Wesentliche und das Exemplarische im Besonderen.

Mit ihrer tiefsinnigen und berührenden Reportage „Japan – Außer Kontrolle und in Bewegung“ hat sie vor einigen Jahren einen ausführlichen Bericht über die Folgen des Tsunamis von 2011 und der Reaktorkatastrophe von Fukushima publiziert. Jetzt legt sie ein weiteres Buch über Japan vor: „Japan. Inselreich in Bewegung“ knüpft thematisch an das letzte Buch an und geht doch weit darüber hinaus. Es beschreibt die dramatischen Folgen der AKW-Katastrophe, die Auswirkungen von Umsiedlung und Flucht aus der Region, den verzweifelten Kampf der Opfer gegen Bürokratie, gesellschaftliche Ausgrenzung und die Atomlobby, aber auch das Leben von Rückkehrern und deren Versuch, wieder ein normales Leben zu führen. Doch „Fukushima“ ist nur ein Kapitel in einem Buch, das sich die Aufgabe stellt, den Leserinnen und Lesern das heutige Japan anhand von Reportagen zu mehreren Schlüsselthemen, darunter ein Kapitel über „Hiroshima“ mit überraschenden, bisher unbekannten Details, nahezubringen und dabei – wenigstens im Ansatz - begreifbar zu machen.

„Japan ist ein hybrides Konstrukt“, zitiert Brandner den japanischen Intellektuellen, Arzt und Gelehrten Katō Sūichi (1919 bis 2008). „Der Mischcharakter der japanischen Kultur besteht darin, dass die japanische Kultur andere Kulturen aufnimmt und diese weiterentwickelt.“ Von den Folgen dieser Transformation erzählt Brandner im Kapitel „Öffnung und Aufbruch in die Moderne“. Zu den Auswirkungen des westlichen Lebensstils gehören Überalterung (im Kapitel „Verschwindet Japan? Die fatale Demografie“). Der Neoliberalismus hat gerade in Japan radikal zum Verlust sozialer Sicherheit beigetragen („Großstadtsplitter“). Der japanischen Armee, der Gefahr, die von Vulkanen ausgeht, und der Insel Okinawa sind ebenfalls eigene Kapitel gewidmet. Besonders spannend aber ist die Geschichte der Schrecks – einer deutschen und österreichischen Einwandererfamilie nach Japan.

Warum ist dieses Buch besonders lesenswert? In erster Linie weil es informativ, unterhaltsam und stilistisch hervorragend ist. Hinzu kommt die große Empathie der Autorin für ihre Interviewpartner, die Anteilnahme, mit der sie Menschen beschreibt. Noch wichtiger als das ist aber, dass sie uns mit Japan einen fernen Spiegel vorhält. Alle Themen, auf die sie eingeht, gehen auch uns an: die Gefahren der Atomkraft und die Überalterung der Gesellschaft, der Umgang mit der eigenen Geschichte und die Frage nach dem Wesen der eigenen Kultur, die Einstellung Fremden gegenüber und die Prägungen durch ein Leben mit ständigen Gefahren und Risiken.

Gerade ein so fern und dadurch verzerrt anmutender Spiegel bringt aber den Betrachter sich selbst näher, als es auf den ersten Blick scheint. Judith Brandner ist dies mit ihrem Japan-Buch in ausgezeichneter und überzeugender Weise gelungen. ■

Judith Brandner

Japan

Inselreich in Bewegung. 222 S., geb., € 22 (Residenz Verlag, Wien)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2020)