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Prozess gegen Harvey Weinstein

„Unersättlicher Appetit auf Frauen“

er erste Zeuge, der zugunsten Weinsteins aussagen sollte, war Paul Feldsher, ein Produzent.
er erste Zeuge, der zugunsten Weinsteins aussagen sollte, war Paul Feldsher, ein Produzent.REUTERS
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Im Prozess gegen Ex-Filmproduzent Harvey Weinstein ist nun die Verteidigung am Zug. Sie hat Weinsteins Freund, den Produzenten Feldsher, in den Zeugenstand gerufen.

New York. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Zeugen aufgerufen und befragt, nun ist die Verteidigung an der Reihe. Somit ging der aufsehenerregende Prozess gegen Filmmogul Harvey Weinstein am Donnerstag in New York gewissermaßen in die zweite Runde. Der erste Zeuge, der zugunsten Weinsteins aussagen sollte, war Paul Feldsher, ein Produzent. Er zeichnete das Bild eines fleißigen und unschuldigen Freundes Harvey Weinstein nach und zweifelte die Vergewaltigungsvorwürfe an, die Annabella Sciorra erhob.

Er kenne Sciorra ebenfalls lang, sagte Feldsher; so hätten ihre Schilderungen ihm gegenüber geklungen, als wäre der Geschlechtsverkehr einvernehmlich gewesen. Doch bei der Befragung der Staatsanwältin geriet Feldsher ins Trudeln. Sie legte ausgedruckte Nachrichten zwischen ihm und Weinstein vor, in denen sich beide äußerst abfällig über Frauen wie Sciorra äußern. Es sei seltsam, dass all diese Frauen plötzlich mit den Missbrauchsvorwürfen auftauchen würden, sagte Feldsher. Weinstein selbst habe einen „unersättlichen Appetit auf Frauen“ und sei süchtig nach Sex. Die Anwältin Weinsteins, Donna Rotunno, nannte ihn „einen Sünder“: „Man kann davon ausgehen, dass er Dinge getan hat, die Sie nicht tun oder die Sie nicht mögen.“

Die Befragung des ersten Zeugen hat sich für die Verteidigung nicht als so positiv herausgestellt, wie erwünscht. Rotunnos Strategie ist es, die Glaubwürdigkeit der Frauen infrage zu stellen: Wenn es zum Geschlechtsverkehr kam, dann sei es einvernehmlich gewesen. Das würden etwa amikale Nachrichten belegen, die die Frauen weiterhin an Weinstein gesendet hätten. Sciorra selbst ist nicht Teil dieses Prozesses – wie bei Dutzenden anderen Frauen auch sind ihre Vorwürfe verjährt.

Als Zeuginnen der Anklage standen in den vergangenen zwei Wochen Mimi Haleyi und Jessica Mann im Zeugenstand. Letztere schilderte, dass sie sich zunächst freiwillig auf Weinstein eingelassen habe, dieser sie später jedoch in einem Hotel in New York und dann in Los Angeles vergewaltigt habe. Der einflussreiche Filmproduzent habe sie manipuliert, so die Schauspielerin. Die Produktionsassistentin Haleyi schilderte unter Tränen, wie Weinstein sie in seiner Wohnung gewaltsam zu Oralsex gezwungen habe. Aus Angst vor einer Ausweisung habe die Finnin, die keine Aufenthaltsgenehmigung hatte, den brutalen Übergriff nicht zur Anzeige gebracht.

Der Prozess gegen den 67-Jährigen dürfte noch etwa zwei Wochen dauern. Mehr als 80 Frauen haben seit 2017 Weinstein öffentlich Missbrauch und Vergewaltigung vorgeworfen. Es war der Beginn der #MeToo-Bewegung. (duö)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2020)