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„Locke & Key“

Ein schauriges Schlüsselspiel

Das Anwesen der Locke-Geschwister (Connor Jessup, Emilia Jones) ist voller versteckter Erinnerungen.
Das Anwesen der Locke-Geschwister (Connor Jessup, Emilia Jones) ist voller versteckter Erinnerungen.Netflix/Christos Kalohoridis
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Netflix hat Nachschub für „Stranger Things“-Fans: In der Comic-Adaption „Locke & Key“ erkunden drei Geschwister eine gespenstische Villa und sperren dabei auch Köpfe auf.

Gebäude speichern Vergangenheit: Diese Quintessenz der Schauerromantik ist in der neuen Netflix-Serie „Locke & Key“, einer Adaption der gleichnamigen Comics, tonangebend, nicht nur atmosphärisch, sondern auch inhaltlich. Witwe Nina Locke zieht mit ihren drei Kindern in den leer stehenden Familiensitz ihres ermordeten Manns, eine ausladende viktorianische Villa, in der Hoffnung, dort mehr über dessen Vergangenheit zu erfahren, ihm wieder näher zu sein, ihn stärker zu spüren. Doch das Locke-Anwesen ist nicht nur ein veritabler Gedächtnispalast, sondern auch Hort einer gespenstischen Macht. In Gestalt einer jungen Frau ruft sie dem fantasiebegabten Bode, dem Jüngsten der Familie, vom Grund eines Brunnens zu, er könne im Haus Schlüssel finden, wenn er deren Wispern und Säuseln folgt, und sie so befreien.

Der Bub entdeckt allerdings gleich mehrere Schlüssel – und jeder öffnet etwas anderes. Mit einem kann man von jeder beliebigen Tür aus an jeden beliebigen Ort reisen. Ein anderer sperrt eine Spieluhr auf, mit der man Menschen marionettengleich kontrollieren und manipulieren kann. Am wertvollsten und gefährlichsten sind allerdings jene Schlüssel, mit denen man Erinnerungen weg- und wieder aufschließen kann, mit denen man in den Kopf eines anderen gelangt.

Mit ihnen lüften die Locke-Kinder Schloss für Schloss jenes finstere Geheimnis, das ihren Vater das Leben gekostet hat. Und es sind diese Schlüssel, auf die es die Kreatur aus dem Brunnen abgesehen hat.

Die episodische Struktur der Vorlage, die in sechs großen Handlungsbögen erzählt worden ist, bietet sich grundsätzlich für eine Serienadaption an. Ersonnen hat diese, wie schon die Comics, Stephen Kings Sohn Joe Hill. Es gelingt ihm durchaus, die labyrinthisch angelegte, durch die diversen entsperrten Räume mäandernde Erzählung so zu glätten und zu straffen, dass man ihr problemlos folgen kann. Durch diese Entschlackung büßt „Locke & Key“ allerdings auch etwas von seiner Originalität ein: Wiewohl die Serie so gut wie alle relevanten Handlungsstationen inkludiert, wirkt ihre abgeschmirgelte Form wie eine Konzession an den Massengeschmack.

 

Zeitgeistiger Grusel mit Billie Eilish

Symbolhaft dafür steht ein kleines, allerdings vielsagendes Detail: Das Original spielt in „Lovecraft“, Massachusetts, die Adaption hingegen in „Matheson“. Die fiktiven Ortsnamen beziehen sich auf zwei stilprägende Autoren der Fantastik. Während die surrealen Horrorvisionen von H. P. Lovecraft, der die Nichtigkeit des Menschen in einem kalten, gleichgültigen Kosmos mit den darin hausenden Monstren so lyrisch wie philosophisch formulierte, als schwer verfilmbar gelten, wurden Richard Mathesons Romane wie „Ich bin Legende“ häufig für das Kino adaptiert. Er verfasste auch etliche Drehbücher, etwa für einen Zyklus von Edgar-Allen-Poe-Adaptionen durch den legendären US-Produzenten Roger Corman, deren klassische Schauermotive und farbrauschende Inszenierung in Spuren auch in „Locke & Key“ enthalten sind.

Generell scheut sich die Serie vor zu viel Idiosynkrasie. Viele der Räume dieses alten Hauses wirken wohlbekannt. Jedenfalls brettert der familienfreundliche Fantasygrusel äußerst zeitgeistig um die Ecke, buhlt mit seinem Teenager-Cast eindeutig um das „Stranger Things“-Publikum und packt auch noch Popstar du jour Billie Eilish mit auf den Soundtrack. Es ist der Stärke der Vorlage, einigen gelungenen inszenatorischen Ideen und Darstellern wie dem unbekannten Thomas Mitchell Barnet als glubschäugigem Psychopathen Sam Lesser zu verdanken, dass „Locke & Key“ in guter Erinnerung bleibt – und durchaus einen eigenen Raum im Gedächtnispalast der Zuschauer verdient.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2020)