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Credit-Suisse-Chef stolpert über Spionage-Causa

Äußerst schmutzig rangen zwei Bosse um die Macht an der Spitze der Credit Suisse.
Äußerst schmutzig rangen zwei Bosse um die Macht an der Spitze der Credit Suisse.REUTERS
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Präsident Urs Rohner gewinnt den Machtkampf mit Vorstand Tidjane Thiam. Der Bankchef tritt zurück

Zürich/Wien. Beschatten. Beschuldigen. Bekämpfen. Äußerst schmutzig rangen zwei Bosse um die Macht an der Spitze der Credit Suisse. Als Verlierer tritt Tidjane Thiam am 14. Februar als Chef der zweitgrößten Schweizer Bank zurück. Sein Abgang ist der Höhepunkt der bankeninternen Spitzelaffäre, die das Institut seit September in Atem hält.
Alles begann, als zwei führende Manager auf Anweisung der Konzernspitze beschattet worden waren. Der 57-jährige Thiam hatte damit zwar persönlich nichts zu tun, wie die Untersuchung durch eine Anwaltskanzlei ergab, verliert nun aber trotzdem seinen Job.

Obwohl sich einige Großaktionäre auf die Seite Thiams schlugen und den Rücktritt von Urs Rohner forderten, bleibt der Verwaltungsratspräsident wie geplant bis im April 2021 im Amt. Rohner ist seit neun Jahren Präsident der Bank und hatte den ivorisch-französischen Manager erst 2015 vom britischen Versicherer Prudential geholt. Doch Thiam entpuppte sich als unkontrollierbarer Machtmensch. Rohner sah seine eigene Position in Gefahr. Daher wollte er den Star-Manager Iqbal Khan zum Nachfolger Thiams küren.

Wie es der Zufall so wollte, wurde Khan kurze Zeit später von der Bank beschattet. Doch die Überwachung flog auf. Credit Suisse wies die Schuld einem Thiam-Vertrauten zu: Chief Operating Officer (COO) Pierre-Oliver Bouée. Thiam selbst habe von alldem nichts gewusst. Doch nach einem zweiten, ähnlichen Fall wurden Zweifel an dieser Aussage und an dem von Thiam und einigen Weggefährten geprägten Führungsstil laut. In einer Mitteilung erklärte Thiam, er bedaure die Überwachung. „Ich hatte keinerlei Kenntnisse von der Beschattung zweier ehemaliger Kollegen. Zweifellos hat dies der Credit Suisse geschadet und zu Verunsicherung und Leid geführt.“

Schlagen Aktionäre zurück?

Angesichts immer neuer Enthüllungen und einer laufenden Untersuchung der Schweizer Finanzmarktaufsicht (Finma) gelangten Rohner und der Verwaltungsrat zu der Einsicht, dass ein Befreiungsschlag notwendig sei. Mehrere Großaktionäre wandten sich aber stattdessen gegen Rohner. Doch der Präsident gewann in einer Sitzung des Aufsichtsgremiums offenbar die Oberhand. „Urs Rohner hat den Verwaltungsrat während dieser turbulenten Zeit in anerkennenswerter Weise geführt“, erklärte sein Stellvertreter Severin Schwan, der Chef des Pharmakonzerns Roche. „Alle Schritte des Verwaltungsrates erfolgten einstimmig und nach sorgfältigen Beratungen.“ Ob die kritischen Aktionäre ihre Drohungen wahr machen und doch noch gegen Rohner und den Verwaltungsrat vorgehen, war zunächst unklar. Eine nächste Gelegenheit böte die Generalversammlung am 30. April.

Selbst Thiams Kritiker räumen ein, dass der frühere Versicherungsmanager Credit Suisse krisenfester gemacht hat. Er verkleinerte das riskante Handelsgeschäft und investierte in den Ausbau des wesentlich stabileren Geschäfts mit reichen Privatkunden, vor allem in Schwellenländern. Der charismatische Absolvent einer französischen Eliteschule polsterte die Bilanz mit zwei milliardenschweren Kapitalerhöhungen auf und stutzte die Kosten massiv.

Bank nur noch die Hälfte wert

Dennoch bleiben dunkle Flecken auf seiner Bilanz: So halbierte sich der Wert des Konzerns in Thiams Amtszeit auf 32 Mrd. Franken (29,9 Mrd. Euro). Noch schlechter entwickelten sich nur wenige Geldhäuser, darunter die Deutsche Bank und die Commerzbank.
Sein Nachfolger wird Thomas Gottstein. Der Spitzengolfer arbeitet seit 1999 für Credit Suisse. Er ist der erste Konzernchef mit Schweizer Pass seit 2002. Analysten rechnen nicht damit, dass er dem auf reiche Privatkunden ausgerichteten Traditionsinstitut einen grundlegenden Kurswechsel verordnet.