Vor dem Gipfel wird aus den USA Kritik an der straffen Geldpolitik der Europäer laut. Die Probleme seien nicht durch Auftürmen neuer Schulden zu lösen, kontern diese. Und: US-Ökonom Krugman wird zum Sündenbock.
Heute treffen sich im kanadischen Huntsville die Staats- und Regierungschefs der acht wichtigsten Industrieländer (G-8), um über globale Probleme wie die Verbindungen von Terrorismus und Kriminalität, die Piraterie als Gefahr für den freien Welthandel und die Atomprogramme von Nordkorea und Iran zu diskutieren. Am Samstag wird es dann im Kreis der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G-20) um die harten Finanzthemen gehen. US-Präsident Obama fordert von den Gipfelteilnehmern, die einsetzende wirtschaftliche Erholung nicht durch übermäßiges Sparen zu gefährden.
Europäer wehren sich gegen US-Kritik
Dabei sind die EU und vor allem die Exportnation Deutschland ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Auch der legendäre Finanzinvestor George Soros hält Obamas Forderung für gerechtfertigt, wie er am Freitag in einem Interview mit dem "Handelsblatt" sagte. So müssen sich die Europäer kurz vor dem G-20-Gipfel gegen Vorwürfe wehren, sie hätten ihre Staatsschulden nicht im Griff. "Die gesamtstaatliche Verschuldung der Eurozone ist niedriger als die Japans oder der USA", sagte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso am Donnerstagabend in Toronto vor dem am Freitag in Kanada beginnenden Treffen der wichtigsten Industriestaaten.
Kurz zuvor hatten auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble den Sparkurs der Europäer gegen US-Kritik verteidigt, wie DiePresse.com berichtete. Deutschland nehme seine Verantwortung für das europäische und weltweite Wachstum wahr, "aber nicht durch das Auftürmen weiterer öffentlicher Schulden, sondern indem wir unserer Rolle als Stabilitätsanker gerecht werden." Schäuble unterstrich, die "kreditfinanzierte Stimulierung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage darf nicht zum Dauerzustand mit Drogencharakter werden".
Ökonom Krugman im Zentrum der Kritik
Dieser Verteidigung des europäischen Kurses war eine vehemente Kritik des US-Ökonomen Paul Krugman vorausgegangen, der die straffe Geldpolitik der Europäer in Frage stellte. Die Welt brauche nicht weniger, sondern mehr schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme. "Die Deutschen und Franzosen hassen es, auch nur kurzfristig Defizite hinzunehmen, sie hassen eine lockere Geldpolitik, klammern sich an jeden Vorwand, um dagegen zu sein", so Krugman.
Daraufhin geriet der Ökonom selbst schwer unter Beschuss. Von dem deutschen "Wirtschaftsweisen" Wolfgang Franz musste sich Krugman die Frage gefallen lassen: "Wie wäre es mit Fakten, Herr Krugman?". Franz kritisierte die "sachliche Unangemessenheit einschlägiger Standpauken aus den USA".
"Böse-Welt-Theorien" der Deutschen
Die "Financial Times Deutschland" warnt jedoch, dass sich die Deutschen in "Böse-Welt-Theorien" hineinsteigern würden statt Kritik an ihrem Wachstumsmodell zu kontern. "Die Deutschen drohen sich vor lauter Geschimpfe über böse Ausländer selbst zu schaden. Es wäre schlauer, ernst zu nehmende Kritik offensiv anzugehen - und den Amerikanern dafür einen Pakt anzubieten, der allen mehr bringt als argumentationsfreie Verschwörungstheorien", schreibt Thomas Fricke in der Zeitung.
(phu)