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Russische Schwimmkultur

Die russische Schwimmkultur hat ihre Eigenheiten (Symbolbild).
Die russische Schwimmkultur hat ihre Eigenheiten (Symbolbild).REUTERS
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Wie ich schließlich doch eine Badehaube aufsetzte und zum Arzt ging: Meine Anpassung an die russische Schwimmkultur.

Aufmerksame Leserinnen und Leser dieser Kolumne werden sich erinnern. Am 28. Jänner 2018 beschwerte ich mich bitterlich über das russische Verständnis von Schwimmen als Körperertüchtigung unter Hochsicherheitsbedingungen. Nun, zwei Jahre später, kann ich berichten: Auch ich kann mich anpassen. Akkulturation ist tatsächlich möglich!

Ich bin über meinen Schatten gesprungen, habe für das ärztliche Schwimm-Attest (natürlich ohne ernsthafte Untersuchung) ein paar hundert Rubel abgelegt und bin – für ein paar tausend Rubel mehr – zur stolzen Besitzerin einer Jahreskarte des Schwimmbades „Tschajka“ (Möwe) im Moskauer Zentrum avanciert. Das Wasser des zum Himmel hin offenen Beckens hat über das Jahr hindurch konstante 28 Grad. Eine angenehme Temperatur, so kann man festhalten, sowohl im Sommer als auch im Winter. Mittlerweile erscheinen mir die russischen Realien wie liebenswürdige Eigenheiten: die eiserne Pflicht zur Badehaube; die ohrenbetäubend in jedem Winkel des Bades schallende Popmusik; die Sauberkeitsmanie, dank der im Winter alle Schuhe mit einer Art Plastikkondom überzogen werden müssen; die vielen von den Dauergästen privatisierten Kästchen in der Umkleidekabine; überhaupt all jene Damen, die das Becken mit ihren voluminösen Körpern und dem Vorrecht der Alteingesessenen in Besitz nehmen, als wäre es kein Ort des Sports, sondern ihr verlängertes Wohnzimmer... Über all das lächle ich milde, sobald ich mich von der Bande abstoße und mit dem Kopf ins Wasser tauche.

jutta.sommerbauer@diepresse.com


Nächste Woche:
Oliver Grimm

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2020)