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Musikverein

Bruckner aus Linz, das ist für Wien keine Petitesse

Das Brucknerorchester unter Markus Poschner gastierte im Musikverein.

„Musik der Meister“, der Konzertzyklus des Volksbildungswerks, und die Jeunesse sorgen für regelmäßige Gastspiele des Linzer Brucknerorchesters unter der Leitung seines Chefdirigenten Markus Poschner im Musikverein. Unter Wiener Musikfreunden versichert man sich seit geraumer Zeit, diese Auftritte seien durchaus nicht als Nebenveranstaltungen zu bewerten. Die Aufführungen von Mozarts „Haffner“-Symphonie und Bruckners Sechster am vergangenen Samstag bewiesen jedenfalls, dass die Gäste aus Oberösterreich mit jenen aus ferneren Regionen, die regelmäßig in den „großen Zyklen“ des Musikvereins gastieren, mühelos mithalten können.

Poschner ist nämlich ein Mann, der ziemlich genaue Vorstellungen zu haben scheint und im Verein mit seinen Musikern wirkliche Interpretationen anzubieten hat, nicht einfach solide Durchläufe, „wie's Brauch der Schul“. Gerade bei solch klassischen Programmabläufen sorgt das für spannende Hörabenteuer.

Denn in Linz wird während der Proben offenbar minutiös an Details der Phrasierung und der dynamischen Abstufung gefeilt. Das hierzulande traditionelle, bequeme, weil wohlig konsumierbare Überlegato weicht differenzierter Artikulation. Ob Bruckner einen Bogen über ganze Takte setzt oder nicht, macht ebenso einen hörbaren Unterschied wie die feine Beachtung der angegebenen Lautstärke-Grade.

 

Punktgenaue Paukenschläge

So hört man mehr im großen orchestralen Gefüge, ohne dass der symphonische Erzählfluss an Konsistenz verlöre. Dafür sorgt Poschners Tempo-Dramaturgie, die ebenso überlegt und detailversessen ist: Zäsuren, Ritardandi, fließende Übergänge ergeben sich aus den rhetorischen Zusammenhängen. Auch bei Mozart, wo nur die – rhythmisch übrigens punktgenauen – Paukenschläge ein wenig auch den Einfluss der Originalklangästhetik verraten. Im Übrigen pflegen die Linzer aber die Neubeleuchtung und Auffrischung gewachsener Spieltraditionen.

Da kann gewiss noch manches an klanglicher, zuweilen auch spieltechnischer Finesse wachsen. Doch ist man auf einem durchaus individuellen Weg, der im mehrheitlich kaum noch unterscheidbaren Kauderwelsch der reisenden sogenannten Spitzenorchester eine prägnante Sprache vernehmen lässt. Dergleichen fällt auf. Wien feierte das jüngste Gastspiel des Brucknerorchesters mit ebenso deutlich artikuliertem Jubel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2020)