Schnellauswahl
Oscars 2020

Joaquin Phoenix' emotionale Oscar-Rede: „Ich war egoistisch und grausam“

92nd Academy Awards - Oscars Show - Hollywood
„Run to the rescue with love, and peace will follow“, zitierte Joaquin Phoenix seinen verstorbenen Bruder.(c) REUTERS (Mario Anzuoni)
  • Drucken

Der frisch gekürte Oscar-Preisträger sprach auch über künstliche Befruchtung von Kühen und warum wir einander eine zweite Chance geben sollten.

Am Ende brach seine Stimme. Joaquin Phoenix, gerade eben zum besten Hauptdarsteller bei der Oscar-Verleihung 2020 gekürt, las eine Zeile aus einem Song vor, den sein Bruder River Phoenix im Alter von 17 Jahren geschrieben habe: „Run to the rescue with love, and peace will follow“. River Phoenix war mit 23 Jahren an einer Überdosis Drogen gestorben, sein jüngerer Bruder Joaquin war bei ihm gewesen. Die Zeile war der emotionale Höhepunkt der Rede, vielleicht der Oscars 2020 insgesamt.

Zuvor war Joaquin Phoenix' Rede sehr politisch gewesen. Der Schauspieler, der in einer Hippie-Familie und bis zu seinem vierten Lebensjahr bei der christlichen Sekte aufgewachsen ist, spannte einen Bogen von der Schauspielerei über Rassismus, Tierschutz und seinen eigenen Verfehlungen zur dem, was seiner Meinung nach die Menschheit ausmache.

Zu Beginn sagte Phoenix, in bester Oscar-Tradition die Konkurrenz lobend, dass er nicht nicht besser sei als die anderen Nominierten oder irgendjemand anders in diesem Raum. Sie alle würden dieselbe Leidenschaft für Film und die Möglichkeit, sich darüber auszudrücken, teilen. „Ich weiß nicht, was ich ohne das wäre“, so der 45-Jährige. „Aber ich glaube, das größte Geschenk, das mir dadurch gegeben wurde, ist die Möglichkeit, den Stimmlosen eine Stimme zu geben.“

Schon beim Bafta hatte sich Phoenix zu Rassismus in der Filmbranche geäußert. Ins selbe Horn stieß der Star aus dem Anti-Superhelden-Film „Joker“ nun beim Oscar. „Egal, ob wir über Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern sprechen, Rassismus oder LGBT-Rechten, die Rechte von Ureinwohnern oder die Rechte von Tieren: Wir sprechen vom Kampf gegen den Glauben, dass eine Nation, eine Rasse, ein Geschlecht oder eine Spezies das Recht hat, andere zu dominieren, zu kontrollieren oder auszunutzen“, sagte er.

„Und dann nehmen wir ihre Milch“

Dass der Schauspieler überzeugter Veganer ist, hat er oft betont. Das Menü bei den Oscars war heuer übrigens überwiegend vegan. In seiner Dankesrede gab sich Phoenix Mühe, seinen Idealismus in die Welt zu tragen. „Ich glaube, wir haben uns weit von der Natur entfernt. Viele von uns haben ein egozentrisches Weltbild und glauben, sie seien das Zentrum des Universums“, so Phoenix. „Wir gehen in die Natur und plündern ihre Ressourcen. Wir glauben, wie seien dazu berechtigt, eine Kuh künstlich zu besamen und dann stehlen wir ihr Baby, sobald sie es auf die Welt bringt. Auch wenn die Schreie ihrer Verzweiflung unmissverständlich sind. Und dann nehmen wir ihre Milch, die für ihr Kalb gedacht ist, und geben sie in unseren Kaffee oder unser Müsli.“

Das Thema Klimawandel sprach er nicht direkt an, vielmehr sprach er über den Wandel an sich. „Ich glaube, wir haben Angst vor persönlicher Veränderung, weil wir glauben, dass wir auf etwas verzichten müssen oder etwas aufgeben“, so Phoenix. Aber Menschen seien so kreativ und erfinderisch. Wenn man sich von Liebe und Mitgefühl leiten lasse, könne man eine Welt schaffen, von der alle fühlenden Wesen und die Umwelt profitieren könnten, glaubt er. Wie diese Welt aussehen könne, darauf ging er in der rund dreiminütigen Rede nicht ein.

„Es war schwer, mit mir zu arbeiten“

Gegen Ende der Rede kam Phoenix zurück zur Schauspielerei und gab sich – wie schon bei den Baftas – selbstkritisch. „Ich war egoistisch. Ich war zeitweise grausam und es war schwer, mit mir zu arbeiten“, sagte er. Damit spielte er wohl auf die Zeit um 2010 an, wo die Mockumentary „I’m Still Here” erschien. Diese dokumentierte den vermeintlichen Absturz des Hollywood-Stars und schadete seinem Ruf. Zum Schluss formulierte der Schauspieler noch ein paar philosophische Gedanken über das Wesen der Menschheit: „Ich bin so froh, dass mir viele in diesem Raum eine zweite Chance gegeben haben. Am besten sind wir meiner Meinung nach dann, wenn wir einander unterstützen, nicht wenn wir einander für Fehler der Vergangenheit ausschließen. Wenn wir einander helfen zu wachsen, uns bilden und einander auf dem Weg zur Wiedergutmachung begleiten. Darin sind wir Menschen am besten.“

>> Mehr zur Verleihung und zu den Siegern

(her)