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Mit Federn, Haut und Haar

Der Wolf der Kriegstreiber, der Faschisten und Nationalisten

Bekämpft man mit dem Symboltier Wolf einen verdrängten unbewältigten Faschismus in den Abgründen der Seele?

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Türkischstämmiger Busfahrer der Wiener Linien soll den Wolfsgruß gezeigt haben. Der ist nicht ganz harmlos, denn über die Grauen Wölfe ist auf Wikipedia nachzulesen: „Bezeichnung für türkische Rechtsextremisten (. . .) haben in der Vergangenheit zahlreiche Gewalttaten und Morde begangen und sehen sich selbst als ,Idealisten‘“. Damit kommt dem Wolfsgruß ähnliche Bedeutung zu wie dem Hitlergruß. Aber warum sammeln sich Faschisten hinter dem Symboltier Wolf? Warum muss der Wolf als Symbol einer kriegerischen, nationalistischen Politik herhalten?

Das hat damit zu tun, dass der Wolf wahrscheinlich bereits in den ersten Hirtenkulturen östlich des Kaspischen Meers zum spirituell-politischen Symbol wurde. Um etwas auszuholen: Vor etwa 4500 Jahren wurden jene europäischen Ackerbauern, die ihrerseits vor 8000 Jahren aus Anatolien eingewandert waren, von berittenen Yamnaya-Invasoren aus der Pontischen Steppe hinweggefegt; sie metzelten vor allem die Männer nieder, brachten die Pest und mit dem Ursprung der indoeuropäischen Sprachen auch den Werwolf-Mythos; der rechtfertigt im Kern in der Verwandlung von Mann in Wolf das Ausblenden gesellschaftlicher Konventionen.

(Wer-)Wolfkrieger waren in der Folge weitverbreitet – bei den Turk-Völkern, bei den germanischen Stämmen, in antiken Heeren und noch bei den Römern. Selbst Dschingis Khan, der letzte Eroberer aus den asiatischen Steppen, berief sich in der Kriegsstrategie und der Selektion seiner Kriegspferde auf den Wolf. Der animistische Mythos lebt in der Mongolei bis heute, wo in „Himmelsbegräbnissen“ Wölfe wieder den Transport der Seelen besorgen.

Bekannt ist auch der abstruse Wolfskult der Nazis: Der wolfversessene Hitler lebte mit deutschen Schäferhunden, sein ostpreußisches Hauptquartier hieß Wolfsschanze, und Werwölfe waren hoch im Kurs. Die Wolfssymbolik in den vielen Varianten nationalistisch-gewalttätig-patriarchaler Politik ist also uralt.

 

Archetypische Wolfsprojektionen bilden natürlich nicht dessen biologische Natur ab, aber sie sitzen tief. Besteht vielleicht sogar ein Zusammenhang zwischen dem hierzulande „unrunden“ Verhältnis zum Wolf und einem – im Gegensatz zu den protestantischen Teilen Deutschlands – unbewältigten Faschismus? Nördlich des Weißwurstäquators verhält man sich einigermaßen gesetzeskonform, im katholischen Süden hält man sich dagegen Wölfe durch Wilderei vom Leib. Hinterfotzige katholische Mentalität?

Oder bekämpft man etwa mit dem Symboltier Wolf einen verdrängten unbewältigten Faschismus in den dunklen Abgründen der eigenen Seele? Oder beides? Eine solch tiefenpsychologische Deutung illegaler Wolfsabschüsse mag jenseitig klingen – aber profilierte sich nicht auch einst in den USA der homosexuelle Direktor des FBI Edgar Hoover als radikaler Verfolger der Homosexuellen?

Scheint angesichts der politischen Symbolkraft der Wölfe seit den Steppenkriegern und der Komplexität des menschlichen Seelenlebens nicht ganz daneben. Dieser Verdacht harmoniert übrigens mit meinem ceterum censeo, dass nämlich der schwere Stand der großen Beutegreifer in Österreich auch ein Symptom mangelnder demokratischer Gesinnung sei. An der liberalen Demokratie zu arbeiten bedeutet also auch Aufwind für den Artenschutz und für Rationalität gegenüber den uralten Wolfsmythen.

DER AUTOR

Kurt Kotrschal, Verhaltensbiologe i. R. Uni Wien, Wolf Science Center Vet-Med-Uni Wien, Sprecher der AG Wildtiere/Forum Wissenschaft & Umwelt.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2020)