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Gastkommentar

Das Wörtchen „bio“ macht nicht alles klimafreundlich

(c) Peter Kufner
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So wichtig Lebensmittel aus biologischem Anbau sind, ihr ökologisches Profil ist nicht unverwundbar, und bio schützt nicht vor Fehlverhalten.

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Spendet das Holzscheit wohlige Wärme, ist die Klimawelt in Ordnung. Wohl wird auch hier bei der Verbrennung Kohlendioxid freigesetzt, aber eben nur solches, das der Baum durch Fotosynthese zuvor der Atmosphäre (und zwar der gegenwärtigen) entzogen hat.

Dies stellt den ökologischen Gegensatz zu fossilen Rohstoffen dar. Bei deren Verbrennung wird Kohlendioxid in die heutige Atmosphäre freigesetzt, das der Atmosphäre vor Jahrmillionen entzogen wurde.

Biologen messen Fotosynthese übrigens indirekt durch die Veränderung der Temperatur in der belichteten Messkammer, die nichts anderes darstellt, als eine Mini-Erdatmosphäre. Kohlendioxid wandelt sichtbares Licht in Wärmestrahlung um. Nimmt das Blatt in der Messkammer Kohlendioxid (durch Fotosynthese) auf, sinkt die Temperatur, gibt es Kohlendioxid (durch Atmung) ab, wird es wärmer. So viel übrigens zur Frage, warum Kohlendioxid für das Klima so eine große Bedeutung hat. Eigentlich ganz einfach.

Ist unser wunderbar klimaneutrales Holzscheit jedoch zu feucht und der Brennraum schlecht belüftet, wird aus dem Symbol der heilen Klimawelt eine ziemlich üble Quelle verschiedener Luftschadstoffe, wie etwa Feinstaub. Da kann der Brennstoff selbst zwar klimaneutral sein – wird er nicht fachgerecht verbrannt, verpufft mit den Abgasen auch der Umweltnutzen.

Heile Klimawelt, üble Quelle

Biogenes Material geht im Gegensatz zu fossilen Rohstoffen nicht zur Neige, ist also regenerierbar und hat als Fotosyntheseprodukt den Startvorteil der Klimaneutralität.

Theoretisch. Denn schon an seiner Entstehung können Materialien (etwa Kunstdünger oder Pestizide) beteiligt sein, die an diesem Image knabbern. Wird dann noch über weite Strecken transportiert und energieintensiv verarbeitet, verschlechtert sich die Ökobilanz zusehends.

Vor diesem Hintergrund ist es mehr als nachvollziehbar, wenn die im Vorjahr verabschiedete Bioökonomie-Strategie der Bundesregierung – der politische Rahmen zur strategisch wichtigen und sinnvollen Nutzung biogener Rohstoffe in unserem Land – nicht weniger als 37-mal den Begriff „Effizienz“ gebraucht. Effizienter Ressourceneinsatz ist bei der Nutzung biogener Rohstoffe oberstes Gebot, will man das ursprünglich positive Ökoprofil über die gesamte Nutzungsphase hinweg bestmöglich erhalten.

Hält man sich die Palette an Einsatzbereichen sowie die mengenmäßige Dimension vor Augen, in der fossile Rohstoffe heute zum Einsatz gelangen, wird schnell klar: Biogene Rohstoffe können diese Stellung nur unter drei Voraussetzungen einnehmen. Die Einsatzbereiche sind so zu gestalten, dass auch die Eigenschaften der biologischen Abbaubarkeit und der geringen Toxizität zum Tragen kommen.

Zum Zweiten ist die verfügbare Anbaufläche limitiert, was die potenzielle Produktionsmenge ebenfalls einschränkt. Drittens werden traditionelle ebenso wie biotechnologische Produktions- und Verarbeitungsmethoden einander ergänzen müssen.

Sackgasse „Bio-Einweg“

Gehen wir also davon aus, wir haben ein Produkt aus biogenem Material vor uns, dessen Ausgangsstoffe ressourcenschonend gewonnen und verarbeitet wurden – etwa einen Kaffeelöffel auf Stärkebasis. Tadellose Sache. Ich rühre damit meinen Kaffee um und werfe ihn anschließend weg. Nutzungsdauer fünf Sekunden (ich bin ein bedächtiger Rührer). Auch nicht so wirklich prickelnd aus Umweltsicht. Der ganze Aufwand (Anbau, Ernte, Verarbeitung, Transport?) für einmal Umrühren?

Bei zahllosen Einwegartikeln ist also die Ressourcenbasis gar nicht das ausschlaggebende Kriterium für ihr ökologisches Profil, sondern der Charakter, das Konzept des Produkts. Bio kann ein verfehltes Produktkonzept nicht korrigieren, auch wenn das vielfach suggeriert wird. Wenn wir beim Lieblingsasiaten von der Misosuppe über das Sushi-Set, die Sojasauce und die geschnittenen Ananas alles in Biokunststoffboxen mitsamt den Bambusstäbchen im Maiskunststoffsäckchen davontragen, sollten wir nicht in den Glauben verfallen, klimagerecht gehandelt zu haben. Gegenüber dem Nutzen von simplem Geschirr haben wir eine ganz schöne Belastung verursacht. Bio hin oder her.

Weit gereiste Trauben im Februar

Aber bei Lebensmitteln aus organisch-biologischem Anbau – da ist man doch immer auf der sicheren, der „guten“ Seite. Hm. Kann sein, muss nicht sein. Weintrauben im Februar bleiben Weintrauben im Februar und müssen weit gereist sein, seien sie auch waschechte Biotrauben. Da ist es kaum verwunderlich, wenn heimisches Bio-Lagerobst die Klimanase vorn hat. Der Umweltnutzen des Biolandbaus ist weitestgehend unbestritten. Von der Erhaltung der Bodengesundheit über den Beitrag zur Artenvielflat bis hin zum Tierwohl – all dies sind eindeutige Vorteile. Trotzdem – unsere heutigen Ernährungsgewohnheiten ausschließlich mit Biolebensmitteln zu befriedigen hätte nicht nur positive Auswirkungen. Artgerecht gehaltene und gefütterte Tiere brauchen Platz und leben lange (was ihnen vergönnt sei). Bis zu ihrer Schlachtreife haben sie daher oft viel mehr Futter verzehrt (und, was bei Rindern besonders ins Gewicht fällt, Verdauungsgase produziert) als ihre kompakt gehaltenen Artgenossen aus der konventionellen Landwirtschaft.

Vor allem der exzessive Fleischkonsum in den Industrienationen wäre mit enormem Flächen- und Ressourcenverbrauch verbunden, sollte er im selben Ausmaß durch Bioprodukte gedeckt werden. An einer langfristigen Ernährungsumstellung unter Reduktion des Fleischkonsums (die ja auch aus Gesundheitssicht geboten ist) führt kein Weg vorbei.

Bei der Diskussion um die Ausgestaltung eines langfristig aufrechterhaltbaren Lebensstils steht die Frage, aus welchem Material wir unsere Produkte herstellen sollen, unverhältnismäßig stark im Vordergrund. Der Schritt, zu hinterfragen, ob diese Produkte denn überhaupt zum Stillen unserer Bedürfnisse notwendig sind, unterbleibt zumeist. Bei der Entwicklung zu einer Kreislaufwirtschaft haben die Wahl der Rohstoffbasis und die Art der Erzeugung von Produkten nicht immer die höchste Priorität. Ausgangspunkt ist stets die Frage nach der gewünschten Dienstleistung. „Warmer Raum“, „Geschirr fürs Mittagessen im Büro“, „heute Abend gibt es Gulasch“.

In weiterer Folge kommt es darauf an, diese Dienstleistung (ohne Schwingen der Moralkeule und ohne erhobenen Zeigefinger des Verzichts) möglichst ressourcenschonend zu erhalten – und dann erst kommt die Entscheidung, ob dies mit biogenen Rohstoffen oder Biolebensmitteln zu bewerkstelligen ist. Kurzstrecken im Zwei-Tonnen-SUV werden nicht klimafreundlich, wenn im 80-Liter-Tank ein Rapsölprodukt gluckert. Ein verschwenderischer Lebensstil bleibt verschwenderisch, auch wenn das Verschwendete bio ist.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Der Autor

Thomas Jakl (geboren 1965) ist Biologe und Erdwissenschaftler. Er arbeitete bis 1991 an der Uni Wien, wechselte dann ins Umweltministerium. Nun ist er in leitenden Funktionen im Bereich des Umweltschutzes in verschiedenen Institutionen tätig. Unter anderem ist er Mitglied des Vorstandes des Forums Wissenschaft und Umwelt; er war Vorsitzender des Verwaltungsrates der EU-Chemikalienagentur.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2020)