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Krise bei Mercedes: Es wird „tough“

Das Jahr 2020 beginnt für Mercedes zäh.
Das Jahr 2020 beginnt für Mercedes zäh.REUTERS
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Mercedes setzte 2019 so viele Fahrzeuge ab wie noch nie. Doch verdient hat man im vergangenen Jahr kaum etwas: Der Gewinn brach um mehr als 60 Prozent ein.

Stuttgart/Wien. Eigentlich sind solche Zahlen ein Grund für ausgiebige Feiern – vor allem, weil Analysten den Autoherstellern für 2019 ein „Annus horribilis“ vorhersagten. Zum neunten Mal in Folge konnte Daimler (Mercedes) im vergangenen Jahr seinen Absatz steigern. Von der Marke mit dem Stern wurden 2,34 Millionen Fahrzeuge verkauft, um 1,3 Prozent mehr als 2018.

Dennoch knallen in der Firmenzentrale in Stuttgart keine Sektkorken, sondern läuten die Alarmglocken. Denn trotz des Rekordumsatzes von 173 Mrd. Euro blieb am Ende des Jahres nur ein Nettogewinn von 2,7 Mrd. Euro (2018: 7,6 Mrd. Euro). Vor Zinsen und Steuern konnte der Konzern im vergangenen Jahr 4,3 Milliarden Euro verbuchen, um 61 Prozent weniger als noch 2018 (11,1 Mrd. Euro).

 

Dieselcausa wirkt nach

Die Gründe für den massiven Einbruch und die Krisenstimmung sind mannigfach. Einerseits hat sich Daimler den Rekordumsatz bei Mercedes teuer erkauft. Die Rendite in der Kernsparte des Autobauers hat sich von 7,8 auf 3,6 Prozent mehr als halbiert. Mit seinen Transportern fuhr Daimler sogar einen Verlust von fast 3,1 Mrd. Euro ein.

Ein Minus trug beispielsweise die X-Klasse bei, der erste Pick-up von Mercedes, der auf der Plattform des Nissan Navara aufbaut. Obwohl die X-Klasse gerade als Sechszylinder ein insgesamt gutes und stimmiges Auto ist, wird es heuer eingestellt. Der Ausflug in die Welt der (Vor-)Arbeiter war für Mercedes wenig erfolgreich.

Andererseits hängt auch Mercedes der Dieselabgasskandal nach. Die Behörden werfen Daimler vor, in diversen Dieselmodellen der Auto- und Vansparte eine unzulässige Abschalteinrichtung in die Steuerung der Abgasreinigung eingebaut zu haben. Der Konzern bestreitet das, hält sich aber an die Rückrufe und hat schon bei Hunderttausenden Fahrzeugen Software-Updates installiert. Schon im vergangenen Sommer hatte Daimler für weltweite Rückrufe und Verfahren etwa 1,6 Mrd. Euro auf die Seite gelegt. Erst vor knapp drei Wochen hatte der Konzern einräumen müssen, dass die Rechnung noch einmal größer wird – um knapp 1,4 Mrd. Euro.

Dazu kommen die Kosten für die Umstellung auf die neuen Gegebenheiten, unter denen alle Autokonzerne stöhnen: Elektromobilität, autonomes Fahren, Roboterautos, Mobilitätsdienste. Aktuell hat Mercedes ein Elektroauto im Angebot, das SUV EQC. Die Nachfrage nach dem EQC ist überschaubar. Für heuer versprechen die Stuttgarter aber eine regelrechte Elektro-Offensive, das erste voll elektrische Kompakt-SUV EQA soll beispielsweise im Herbst vorgestellt werden.

Von dem schlechten Ergebnis bei Daimler sind viele betroffen, die Mitarbeiter gleich doppelt. Bis zu 15.000 Stellen dürften in den kommenden Jahren wegfallen (von etwa 300.000 Menschen, die Daimler beschäftigt), mehr als 1,4 Milliarden Euro will man beim Personal einsparen. Erhielten die Mitarbeiter im vergangenen Jahr noch eine Prämie von 4965 Euro, müssen sie sich nun mit 597 Euro begnügen. Zudem gibt es eine einmalige Anerkennungsprämie in Höhe von 500 Euro. Selbst wenn man diese Einmalzahlung mitberücksichtigt, schrumpft die Ergebnisbeteiligung für die Beschäftigten aber um fast 78 Prozent.

Außerdem kürzte Daimler seine Dividende drastischer als erwartet. Die Aktionäre sollen je Aktie für das abgelaufene Geschäftsjahr nur noch 90 Cent erhalten – nach 3,25 Euro im Jahr zuvor.

 

„Keine schnellen Lösungen“

Auch für den Chef selbst war der Auftritt bei der Bilanz-Pressekonferenz am gestrigen Dienstag unerfreulich. Es ist die erste Jahrespressekonferenz des neuen Vorstandschefs, Ola Källenius. Der Schwede hatte im Mai 2019 den langjährigen Daimler-Chef Dieter Zetsche abgelöst, der Mercedes in seiner Amtszeit zu neuen Höhen geführt hatte und als einer der erfolgreichsten Automanager in der deutschen Geschichte gilt.

Källenius hatte am Dienstag nur schlechte Nachrichten für die Öffentlichkeit, die Analysten und die Aktionäre. Bei einigen Sparvorhaben bitte er um Geduld, sie ließen sich nicht von heute auf morgen umsetzen. „Es gibt hier keine schnellen Lösungen“, sagte der Vorstandsvorsitzende. Er mache sich auch keine Illusionen, die nächsten drei Jahre würden „tough“ werden.

Zugleich aber gab sich der 50-Jährige kämpferisch und zuversichtlich: Die Bilanz 2019 markiere einen Wendepunkt, der Boden sei erreicht. „Dieses Unternehmen wird sich radikal ändern“, kündigte Källenius an. „Wir werden die finanzielle Gesundheit des Konzerns wiederherstellen.“ Daran werden er und sein Team rund um die Uhr arbeiten.

Gut lief es für Mercedes im vergangenen Jahr eigentlich nur im Motorsport, wo man die Formel 1 souverän dominierte. Aber auch hier wittert die Konkurrenz heuer Morgenluft. (rie/ag.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2020)