Spekulanten an den Börsen gelten gemeinhin als Schuldige für die Explosion der Nahrungsmittelpreise im Jahr 2008. Zu Unrecht, findet eine aktuelle Studie der OECD.
Wien. Als die Nahrungsmittelpreise Mitte 2008 in ungeahnte Höhen schossen, waren die Schuldigen rasch ausgemacht: Spekulanten, die mit ihren „Luftgeschäften“ die halbe Welt in den Hunger trieben. Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler wünschte die „Verbrecher vor ein Tribunal wie die Nazis“.
Politiker rund um den Globus heckten neue Regeln aus, wie man Pensionskassen und Hedgefonds künftig von den Agrarmärkten fernhalten könne. Auch hierzulande wandte sich die Parteienlandschaft geschlossen gegen die „Zocker“ an der New Yorker Warenterminbörse. „Spekulation verbieten“, gab die SPÖ als Parole aus, die ÖVP forderte „Steuern auf Spekulation“. Selbst die Investorenlegende George Soros warnte eindringlich vor einer drohenden „Blase am Markt für Agrarrohstoffe“.
Eine aktuelle Studie der OECD nimmt den Kritikern nun den Wind aus den Segeln. Die Spekulation an Terminbörsen habe zu keiner Blase bei Agrarpreisen geführt, so die Conclusio der Autoren Scott Irwin und Dwight Sanders.
Anleger stürmen Agrarmärkte
Auf den ersten Blick mag das verwundern. Schließlich haben Anleger im Jahr 2008 knapp 250 Mrd. Dollar in Futures für Agrarrohstoffe gesteckt. Zwei Jahre vorher waren es noch 90 Mrd. Dollar. Ursprünglich waren solche Terminkontrakte für Bauern gedacht, damit diese ihren Weizen nicht erst im Herbst, sondern schon vor der Ernte zu vorab fixierten Preisen verkaufen konnten. Damit wollten sie nötiges Geld für Investitionen bekommen oder sich gegen Preisschwankungen absichern. Heute werden 70 Prozent aller Terminkontrakte von Marktteilnehmern gehandelt, die den Rohstoff weder produzieren noch verwerten.
Zeitgleich mit dem Ansturm der Spekulanten auf die Rohstoffmärkte stiegen die Preise für Weizen, Mais und Soja um bis zu 90 Prozent. In Ländern, in denen Menschen nicht wie hierzulande ein gutes Zehntel, sondern drei Viertel ihrer Einkommen für Lebensmittel ausgeben, führte das zu Hungersnöten und Brotrevolten. Aktuell leiden eine Milliarde Menschen an Unterernährung.
Sorge um Liquidität
Die Schuld der Spekulanten sei das aber nicht, so die OECD. Die Autoren konnten keinerlei Zusammenhang zwischen der Menge der gehandelten Futures und den Preisen ausmachen. Auch als die Preise Mitte 2008 rasant fielen, waren die Spekulanten groß im Geschäft. Schließt man sie nun vom Markt aus, könne nötige Liquidität verloren gehen, warnt die OECD. Zudem erlebten auch jene Rohstoffe, die kaum an Terminbörsen gehandelt werden, wie etwa Reis, drastische Preisausschläge.
Wachstum und Biotreibstoffe
Der Grund für die höheren Preise lag laut Studie nicht an den Börsen, sondern an der steigenden Nachfrage. Das weltweite Bevölkerungswachstum, der wachsende Wohlstand in den Schwellenländern und das Verlangen des Westens nach „grünen Treibstoffen“ verknappten das Angebot an Lebensmitteln. Eine Studie der Weltbank sieht Biotreibstoffe der ersten Generation als größten Verursacher der Preis-Rallye. 70 Prozent der höheren Maispreise und 40 Prozent der höheren Preise für Sojabohnen gehen demnach auf das Konto der Biotreibstoff-Lobby.
Obwohl die Preise heute von ihren Höchstwerten von 2008 weit entfernt sind, werden sie wohl nicht mehr auf das Durchschnittsniveau des letzten Jahrzehnts zurückkehren, schätzen OECD und FAO. Anders sieht es aus, wenn man die Inflation herausrechnet. Real betrachtet sind Weizen, Mais & Co. heute nämlich weitaus billiger zu haben als in den 1970er-Jahren.
www.oecd.org/dataoecd/
16/59/45534528.pdf
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2010)