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Marcus King: Zu viel Soul für unsere Zeit?

Dieser junge Mann mag’s gern altväterlich: Marcus King, geboren 1996 in Greenville, South Carolina, in typischer Südstaaten-Pose.
Dieser junge Mann mag’s gern altväterlich: Marcus King, geboren 1996 in Greenville, South Carolina, in typischer Südstaaten-Pose.Universal
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Der 23-jährige Südstaatler Marcus King mischt Soul, Blues und Rock statt Hip-Hop und Elektronik. Sein Solodebüt „El Dorado“ überzeugt.

Viele ärgern sich darüber, was Rod Stewart mit seiner Stimme (nicht) macht. Er vergeudet sein sandpapierenes Organ mit dem Nachsingen des Great American Songbook, nimmt schwache Eigenkompositionen auf. Marcus King tut das alles nicht. Seine Lieder sind stark, tief im US-Süden verwurzelt, wo Soul, Blues, Country und Rock locker ineinanderfließen. Und doch erinnert er an den nach Los Angeles ausgewanderten Schotten: Seine Intonation gleicht jener Rod Stewarts, als er 1972 „Never a Dull Moment“ aufnahm.

Die Seventies sind auch erklärtes Faible von Kings Produzenten Dan Auerbach, bekannt von der Bluescombo Black Keys. In seiner Obhut hat Marcus King drei famose Alben unter dem Signet Marcus King Band produziert, auf denen die Soli freilich zuweilen à la Grateful Dead ausuferten. So etwas lässt Auerbach nicht zu. So sind die Lieder auf „El Dorado“ in den Melodien fokussierter. Zum einen oder anderen Gitarrensolo kommt King trotzdem. Schließlich hat ihn dieses Instrument in die Welt der Musik geführt. Mit elf Jahren trat er im Vorprogramm seines Vaters auf, des Bluesgitarristen Marvin King. Rasch etablierte er sich im Blues-Circuit der USA. Jetzt will er den Rest der Welt von sich überzeugen. „El Dorado“ protzt mit feinstem Blue-Eyed Soul à la Seventies. Einiges erinnert an Eddie Hinton, Delbert McClinton und Tony Joe White, die großen Außenseiter in der Nixon-Ära, als sich der US-Mainstream von den traditionellen Sparten Soul, Blues und Country weg entwickelte.

Marcus King war früh selbst ein Unzeitgemäßer. In der Schule trug er als Einziger Glockenhose, Fan der Haight-Ashbury-Gegenkultur der Sechzigerjahre ist er geblieben. Doch heute zählen eine rote Gitarre, rote Stiefel und riesige Cowboyhüte zu seinen Markenzeichen. Wie auch Rasanz. In nur zwei Wochen komponierte er die zwölf Lieder von „El Dorado“, spielte sie mit zehn Musikern in drei Tagen ein. Bereits der Opener, „Young Man's Dream“, ist von heute rarer Intensität. „I found her living up in Illinois, she brought me sorrow and brought me joy, treated me just like a rubber toy.“ Was passiert da? Wird ein junger Mann sexuell ausgenützt? Kings Resümee: „Don't take long to fall in love, take a little time to get back.“ Dann wird's rascher: Der krachige Boogieblues „The Well“ könnte Highlight auf einem Black-Keys-Album sein.

 

Begnadeter Balladensänger

Aber viel schöner ist es, wenn King das Tempo drosselt. Wenn er sich nicht hinter seiner Gitarre versteckt, ist er ein begnadeter Balladensänger. Wie in „Wildflowers & Wine“, wo sich ein Mädchenchor an seine raue Stimme schmiegt. Highlight ist „Beautiful Stranger“ mit der schönen Zeile „I don't know your name, but I know what you drink“. Oder ist es doch das zart pulsierende „Break“ mit der Warnung „You're falling apart, but don't let your heart break for nobody but me“? Dazu zwitschert das E-Piano, flirren die Geigen verwirrt. Flugs folgt ein Kontrapunkt. „Say You Will“ ist rüder Riffrock mit altmodischen Gitarrensoli. Trotzdem wirkt nichts vergangenheitsselig. Erstens, weil es von brennenden Gefühlen geleitet ist; zweitens, weil Veteranen wie Gene Chrisman und Bobby Wood mitspielen. Die waren schon für Elvis Presley, Aretha Franklin und Bobby Womack im Einsatz. Es sage also niemand „retro“ dazu!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2020)