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Die Frauen, die den Fox-News-Chef stürzten

Zu sagen haben die Frauen einander in „Bombshell“ nichts.
Zu sagen haben die Frauen einander in „Bombshell“ nichts.Wild Bunch
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Klassische Hollywood-Heldinnen sind das keine: „Bombshell“ zeichnet nach, wie sich konservative TV-Stars, die selbst zu den Feindbildern im liberalen Amerika gehören, gegen die sexuelle Belästigung durch Roger Ailes zur Wehr setzten.

Die Frauen eilen durch die Garderobe, zwängen sich in Shaper und hohe Schuhe, stopfen sich Polster in den BH, steigen in kurze Kleider: willkommen hinter den Kulissen von Fox News. Sie wolle eine Hose tragen, sagt eine Moderatorin im Vorbeigehen, die Garderobenmeisterin widerspricht: nur mit ausdrücklicher Erlaubnis aus dem zweiten Stock! Schon wendet sich die Moderatorin wieder ihrem Telefon zu, ein Reporter ist dran. Nein, nie habe sie hier sexuelle Belästigung erlebt – und natürlich gibt es keine „Beinkamera“! Überhaupt: Roger ist ein großartiger Chef, er hat Frauen Sendezeit gegeben. Die Vorwürfe gegen ihn, die müssen alle erfunden sein!

Es ist eine zwiespältige Geschichte, die dieser Film lustvoll ausleuchtet: 2016, ein Jahr vor dem Weinstein-Skandal, musste Roger Ailes, der langjährige Chef des konservativen Kabelsenders Fox News, nach Vorwürfen der sexuellen Belästigung gehen (ein Jahr später starb er). „Bombshell“, ab Freitag im Kino, erzählt nun von den Frauen, die Ailes berühmt gemacht hat, die ihm halfen, an der Macht zu bleiben – und die ihn schließlich zu Fall brachten.

So eine Geschichte zu erzählen ist immer ein komplexes Unterfangen, hier ist es noch vertrackter: Denn die Protagonistinnen sind alles andere als klassische Hollywood-Heldinnen. Durch und durch konservativ, mit blonder Föhnmähne und eisigem Lächeln, stehen sie für eine Medienmarke, die zum Feindbild des liberalen Amerika geworden ist. Im sexistischen System, das hier porträtiert wird, sind sie zugleich Opfer und Komplizinnen. Die sollen Sympathie wecken?

 

Opfer bittet Täter: Bitte nichts erzählen!

Regisseur Jay Roach („Austin Powers“) lässt sich auf diese Spannung voll ein, bleibt durchgehend ironisch im Ton und reißt kühn gleich zu Beginn die vierte Wand ein: Starmoderatorin Megyn Kelly (gespielt von Charlize Theron, die verblüffend transformiert wurde von Make-up-Meister Kazu Hiro) führt flotten Schritts durch das New Yorker Hochhaus, wo im zweiten Stock Roger Ailes (John Lithgow) und im achten Eigentümer Rupert Murdoch die Geschicke lenken: „Der große Teil des amerikanischen konservativen Establishments in einem Gebäude.“

Zu diesem Establishment gehört auch Gretchen Carlson, die mit kleinen Aktionen – etwa einem ungeschminkten TV-Auftritt – die Senderlinie unterläuft. Als sie früh im Film gefeuert wird, hat sie längst einen Plan: Sie zeigt Ailes wegen Belästigung an und hofft, dass sich mehr Kolleginnen anschließen. Auf YouTube kann man Clips sehen, die zeigen, wie die echte Carlson Kommentare ihrer Co-Moderatoren, die sie auf ihre Miniröcke reduzieren, galant weglächelt. Nicole Kidman spielt sie als leicht entrückte, perfekt gestylte Kämpferin, an der Schmähversuche sauber abperlen: eine Teflon-Löwin.

Charlize Theron gibt subtiler die toughe Megyn Kelly, die standhaft behauptet, dass der Weihnachtsmann weiß sei, und sich durch kritische Fragen über sein Frauenbild eine Twitter-Tirade von Trump einhandelt (der geschickt ins Bild geschnitten wird). Auch sie wurde von Ailes belästigt – lang dreht sich der Film um die Frage, ob sie ihre Erfahrung öffentlich macht oder durch Schweigen ihre Karriere sichert.

Und dann ist da die fiktive Kayla (Margot Robbie), eine ehrgeizige Newcomerin aus einem Haushalt, dem Fox News fast so heilig ist wie Jesus. Sie steht für die weniger prominenten Frauen, die von Ailes zu sexuellen Gefälligkeiten unter dem Vorwand der „Loyalität“ gedrängt wurden. Beklemmend ist die Szene, in der er sie lüstern grunzend nötigt, ihr Kleid hochzuziehen („It's a visual medium!“) – das Publikum schaut aus Ailes' Perspektive mit. Mit panisch aufgerissenen Augen setzt sie sich danach zurück auf seine Couch und bittet ihn, niemandem von dem Vorfall zu erzählen. Sie bittet ihn!

Emotionalen Prozessen widmet sich der Film weniger als den Mechanismen der Unterdrückung. Sensationsfreudig zeichnet er nach, wie immer mehr Frauen Vorwürfe erheben. Am System, das Ailes' Übergriffe begünstigt hat, wird dabei nicht gerüttelt. Und auch von Solidarität ist nichts zu spüren: Die Frauen kämpfen nebeneinander, nicht miteinander. In einer einzigen Szene sind die drei Protagonistinnen gemeinsam zu sehen, als sie im Lift misstrauische Blicke aufeinander werfen. Sie sagen kein Wort.

Drehbuchautor Charles Randolph, der einige Ailes-Opfer vertraulich konsultiert hat, beweist hier nicht ganz so viel didaktischen Eifer wie in „The Big Short“, wo Gaststars zwischendurch wirtschaftliche Begriffe erklären, doch seine Handschrift ist deutlich genug – etwa in der Szene, in der Komikerin Kate McKinnon, bei der alles ironisch klingt, auch wenn sie es ernst meint, Kayla in die Grundregeln des Fox-Journalismus einweiht: Menschen sind schlecht, Minderheiten kriminell, „Sex is sick but interesting“.

Rupert Murdoch (Malcolm McDowell) kommt hier im Übrigen recht gut weg – vor allem deshalb, weil seine Söhne, die Ailes nicht ausstehen können, auf volle Aufklärung pochen. Nachdem er diesen losgeworden ist, ruft er seinen Kumpel Trump an. Die Krise ist abgewendet. Sie hatte nur einen kleinen Preis: Den Opfern zahlte Murdoch eine Entschädigung – und Roger Ailes eine noch höhere Abfindung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2020)