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Ein Zuhause, keine Heimat

Als H. G. Adler 1948 den Roman „Panorama“ schrieb, war er den Vernichtungslagern des Dritten Reiches gerade knapp entronnen. Er blieb zeitlebens irgendwie unsichtbar. Zum 100. Geburtstag am 2. Juli: eine Entdeckung.

Er zählt zu den verborgenen Autoren in der deutschsprachigen Literatur. Das beginnt schon damit, dass auf keinem Titelblatt seiner Bücher sein Vorname ausgeschrieben steht: H. G. heißt Hans Georg. Natürlich hat das damit zu tun, dass Adler alle seine Bücher an einem Ort außerhalb des deutschen Sprachgebietes schrieb, in England, wo er als Autor gar nicht wahrgenommen wurde. In Deutschland kannte man ihn zunächst nur wegen seiner umfassenden Monografie über Theresienstadt, eines Standardwerks, das erstmals 1955 erschien.

Vielleicht wäre das anders gewesen, hätte Adler im Nachkriegsdeutschland gelebt und geschrieben, dann würde man ihn heute wohl neben Böll und Grass zu den Hauptvertretern der deutschen Literatur nach 1945 zählen. Aber auch bei dieser Etikette spießt es sich. H. G. Adlers Sohn Jeremy nennt seinen Vater den letzten Vertreter der Prager Schule. Und irgendwie war er auch so etwas wie ein Letzter seiner Art. Dabei ist Prag nur eine von mehreren Stationen in diesem Leben, oder auf dessen literarische Umformung bezogen, nur ein Bild im Panorama.

In dem jüngst wieder aufgelegten autobiografischen Monumentalroman – für Adler vielmehr ein epischer Gesang – steht am Anfang der kleine Josef im Panorama und betrachtet staunend ein Bild nach dem anderen. Ein abgedunkelter Raum, ein Holzgehäuse, zwei runde Öffnungen, Gucklöcher. „Bunte Bilder aus der ganzen Welt.“ Ein Glöckchen kündigt immer den Wechsel an, ansonsten ist es still im Panorama, das Kind bleibt mit den Bildern allein, mit der Illusion, mit der Faszination. Umso mehr, als es kein Ganzes, nur einzelne Stücke ohne Ende gibt. Irgendwann fängt es wieder von vorne an.

Mit diesem programmatischen Einstieg beginnt der Autor den Rückblick auf das bisherige Leben. Er erzählt, oder vielmehr, er beschreibt es in zehn Bildern, die sich erst im Kopf des Lesers zu einem Ganzen zusammenfügen. Aber was ist schon das Ganze, wenn im vorletzten Bild plötzlich eine Erfahrung steht, die eigentlich das Panorama sprengen müsste? „Lager Langenstein“, heißt das neunte Bild, und damit ist zunächst Auschwitz gemeint, wohin Adler im Herbst 1944 deportiert wurde.

Wenigstens äußerlich ergibt die Abfolge der Panoramabilder einen sorgsam gearbeiteten Bildungsroman. Denn jedes Bild zeigt den Helden, Josef Kramer, auf einer jeweils höheren Entwicklungsstufe. Die unbeschwerte Kindheit, der heranwachsende Jugendliche, der junge Mann, der nach Orientierung sucht, und dann plötzlich Auschwitz. Auch wenn der Name nie genannt wird und Adler eine dichte literarische Form der Umschreibung gefunden hat, ist die abstrahierende Darstellung so exakt, dass dieses Auschwitz-Kapitel, wie Jeremy Adler in seinem erhellenden Nachwort betont, in der Holocaust-Literatur neben wissenschaftlichen Werken oft als Quelle zitiert wurde. Ein Umstand, der uns viel über die literarische Verfahrensweise des Autors sagt. Sein Alter Ego dürfen wir uns fast im fotografischen Sinn hier abgebildet vorstellen.

Am Anfang sehen wir ein wohlbehütetes Kind aus bürgerlicher Familie – der Josef, „der muss immer folgen, der geht in die Schule, der muss die Hände waschen“, und „Wenn der liebe Gott will, so wird er ein guter Mensch werden.“ Mehr als 100 Seiten später heißt es: „Er will frei sein.“ Da begegnet uns Josef bereits als Außenseiter, isoliert, unverstanden. Ein Gefühl der Fremde durchzieht sein Leben – eine Grundhaltung, die auch für den Autor fortan bestimmend werden sollte, eine innere wie äußere Heimatlosigkeit.

Als H. G. Adler am 2. Juli 1910 in eine bürgerliche jüdische Familie in Prag hineingeboren wird, steht die Welt, anders als im Panorama, vor einem völligen Umbruch. Eine Zeitlang braucht das Kind nichts davon zu bemerken, obwohl es sich von Anfang an in einer Außenseiterposition befindet: Es ist ein Einzelkind, die Eltern sind deutschsprachige Juden im mehrheitlich tschechischen Prag, die jüdische Tradition bleibt in der Familie ebenso fremd wie die tschechische Umgebung. Nach 1918 bildet das Deutschtum, in dem das Kind aufwächst, erst recht eine Enklave. Dann die frühe Erkrankung der Mutter, sie bedarf dauernder stationärer Pflege. Der Vater gibt den mittlerweile Zehnjährigen in fremde Obhut aufs Land, danach für zwei Jahre in ein deutschnationales Internat nach Dresden (im Roman die Bilder zwei und drei).

Spätestens hier sind die kindlichen Glückserfahrungen der Panoramazeit für immer vorbei, und hier fängt auch die Fremde an. Sie beginnt als nationales Dilemma. Musste sich das Kind in Prag von seinen tschechischen Kameraden „Deutscher“ oder „deutscher Jude“ nachrufen lassen, so wird der Zögling in Dresden als „tschechisches Schwein“ beschimpft. Josef weiß sich zu helfen, zornig schimpft er zurück: „Deutsches Schwein“ – und wird mit Schlägen dafür bestraft, dass er „nicht einmal weiß, was er ist und wohin er gehört“. Im Roman ist der Vorfall gerade eine Seite lang, aber in seiner autobiografischen Schrift „Zuhause im Exil“ hat Adler dazu später bemerkt: „Die Schäden aus der frühen Zeit heilten nie mehr.“

Dennoch blieb die Orientierung nach Deutschland und der Wunsch, der Prager Enge zu entfliehen. Erst 1933 trat Ernüchterung ein. Erst jetzt entstand überhaupt ein jüdisches Bewusstsein, doch eine klare Position im Leben ergab sich daraus noch nicht. Im Roman sehen wir Josef als Leiter eines Jugendlagers, als unerfahrenen Studenten, der in einen esoterischen Zirkel gerät, als unsicheren Hofmeister in reichem Haus, schließlich als verhinderten Mitarbeiter in einer chaotischen Bildungseinrichtung. „Aber was ich anfangen sollte, um mir eine Existenz aufzubauen“, so Adler später, „wusste ich nicht.“ Er flüchtete sich „in eine Welt des schönen Scheins“.

Das hat natürlich etwas von entschiedener Tragikomik. Nicht von ungefähr mutet im Roman manches kafkaesk an, von hintergründiger Komik, die mit abrupten Schnitten zwischen den Szenen gleich wieder aufgelöst wird. Überhaupt begegnet uns eine alles in allem komische, originelle Erzählform – für 1948, als der Roman in wenigen Monaten geschrieben wurde, gewiss zu innovativ, vielleicht zu verstörend, um Aufnahme zu finden. 20 Jahre musste Adler warten, bis das Manuskript einen Verleger fand. Die nächste große Arbeit, „Eine Reise“, brauchte elf Jahre, bis sie gedruckt wurde. Der Roman „Die unsichtbare Wand“ erschien überhaupt erst posthum. Alle drei Werke zusammen ergeben eine stark autobiografisch gefärbte Trilogie und nicht weniger als ein Werk im Rang von Weltliteratur. Nur dass dieses lange im Verborgenen blieb.

Anfang 1947 war Adler, zunächst zufällig, nach London gekommen, nachdem er in Prag als „Deutscher“ ausgebürgert worden war. Das englische Provisorium wurde erst nach und nach zum gewünschten Exil. Aber auch was er dort wollte oder sollte, blieb eine unlösbare existenzielle Frage. Jetzt erst recht litt Adler an einem „Mangel von Zuhause“, obwohl es immerhin dieses Zuhause im Exil gab. „Es ist ein Ergebnis meines Lebens“, schrieb er in seinem „Nachruf bei Lebzeiten“, „dass ich wohl ein Zuhause habe, aber keine Heimat.“ Sie war für ihn ohnehin nirgendwo auf der Welt auffindbar. Und auch in England ist es Adler nie gelungen, eine fixe Anstellung zu erreichen. Bis an sein Lebensende blieb er „Schriftsteller und Privatgelehrter“. Als dieser war er übrigens einer der letzten Enzyklopädisten, der allein mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten – Pionierleistungen auf dem Gebiet der Holocaust-Forschung – über universitäre Ausmaße hinausragt.

Als Schriftsteller blieb Adler, weil das Leben, und erst recht der Literaturbetrieb, ungerecht ist, der große Erfolg versagt. Hochgeschätzt von Broch, Canetti, Doderer oder Böll, gelang ihm nie der wirkliche Durchbruch. Vielleicht war es auch die Deutlichkeit, mit der er einen Schnitt gegen die Wohlgefälligkeit machte – so wie es in „Panorama“ die Deutlichkeit der letzten drei Bilder ist, die den Leser eigentlich verstören müsste. Erst hier im Schlussteil des Buches nimmt die historische Dimension, der politische Hintergrund, Konturen an. Zunächst ist Josef noch Zwangsarbeiter, er darf sich noch frei bewegen. Aber was heißt „frei“? Das Leben der „Unterworfenen“ soll freudlos sein, weil der „Eroberer“ es so wünscht. Das lässt sich in einem Satz sagen und wird doch in einem großen Bild veranschaulicht, ehe das nächste, noch viel düsterere kommt. Darin gibt es keine Menschen mehr, „nur Leiber sind hier, das sind die Verlorenen“, und „überall ist Angst“.

Dieser Realismus wird umso unausweichlicher, je abstrakter und symbolbehafteter die Sprache an ihm vorbeizukommen versucht. Adler hat dafür sogar ein eigenes Vokabular entwickelt. Er sagt „Schrein“ statt Gaskammer, „Läuterung“ statt Vergasung, er nennt die Selektierten „Geweihte“ – und entlarvt damit erst recht den Jargon der Mörder. Und wo Adorno die Grenzen des lyrischen Gedichtes erreicht sah, wo Primo Levi in seinen Lebenserinnerungen von der Angst schrieb, man könnte über Auschwitz nicht berichten, weil es niemand glauben würde, ist sich auch Adler der Unmöglichkeit bewusst: „Vom Dasein der Verlorenen ist nichts in eine Sprache zu übertragen, die draußen jemand verstünde.“

Dennoch ist es ihm gelungen, mit seiner Literatur eine Zeugenschaft zu hinterlassen, die ihresgleichen sucht. Und es ist ihm trotzdem dabei nicht anders ergangen als seinem Alter Ego im Roman: „Josef ist fremd, so ist es eben“, die gerettete Existenz bleibt ein ewiger Mühlstein. Am Ende heißt es, Bilanz ziehen, sich der Schuld des Überlebens stellen: „Warum darf einer seinen Untergang überdauern?“ Das Überleben ist schließlich nicht eigenes Verdienst.

Im letzten Bild sehen wir Josef im englischen Exil, ein Mensch, der fast ausgelöscht wurde, der verzweifelt eine Orientierung sucht und sich in einem Panorama wiederfindet, dem er nicht mehr entkommen kann. Damals hatte das Kind in den Bildern sein höchstes Glück erlebt, es war vom Guckkasten gar nicht wegzubringen und hätte am liebsten alles wieder und wieder betrachtet. Der Erwachsene aber hat am Ende nur einen Wunsch, er will „in die Zufriedenheit eines Nichtwissens tauchen“ und die Bilder seines Lebens nicht noch einmal sehen müssen. Doch alles, was er erlebt hat, ist zum unauslöschlichen Bild geworden, das Panorama zum Fluch. Denn der Mensch ist darin Schauender und Geschauter, Subjekt und Objekt zugleich, und eines kann darin das andere nur sehen, es aber nie erreichen.

Diese Aporie bestimmte auch das Leben des Schriftstellers, dem sich ein Thema eingeschrieben hatte, mit dem er die Öffentlichkeit zeit seines Lebens nur am Rande erreicht hat. Aber das änderte nichts an der Beharrlichkeit, mit der H. G. Adler seinen Weg ging. Er wusste es selbst am besten: dass man auch „durch Unbekanntheit ziemlich berühmt“ werden kann. Es liegt an uns, einen der interessantesten Autoren des 20. Jahrhunderts in dieser Position zu entdecken. ■


Bei Böhlau ist von Franz Hocheneder eine Monografie über „H. G. Adler. Privatgelehrter und freier Schriftsteller“ erschienen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2010)