Wolfgang Lorenz wird der letzte ORF-Programmdirektor sein. Danach kommt wohl nur eine TV-Direktion für alles. Die ORF1-Reform beginnt aber jetzt. Dass das Fernsehen vor dem Aussterben steht, glaubt er nicht.
„Die Presse“: König Fußball hat Sie als ORF-Programmdirektor entmachtet. Ärgert das?
Wolfgang Lorenz: Die WM macht uns ein kleines Quotenbäuchlein, das wir im Herbst wieder abschlanken werden. Die WM ist Fernsehen pur – sie verläuft ja auch relativ dramatisch. Außerdem ist sie nur zu 50 Prozent Sport, zu 30 ein Gesellschaftsthema und zu 20 über Nationalismen und Chauvinismen Politik – da zitiert dann der französische Präsident den Mannschaftsstar in den Elysée-Palast.
Wie soll die geplante ORF1-Reform aussehen?
Lorenz: ORF1 bedarf einer Neuaufstellung – wir haben demnächst dazu Klausur. Aber auch beim Zweier, der gut läuft, müssen wir schauen, dass er uns mit dem etwas älteren Publikum nicht ausstirbt. Wir werden am Dienstag um 21.15 Uhr in ORF1 eine Doku-Soap-Leiste einführen – etwas, das wir noch nicht ausgereizt haben. „Das Match“ hat gut funktioniert – es wird aber nicht zwangsläufig nur eine Hetz sein, sondern in die Gesellschaft eingreifen. Und Michael Hajek arbeitet an einem grafischen Refreshment für ORF1.
Kommt eine ORF1-Verjüngungskur?
Lorenz: Wir haben die Zielgruppe zwölf bis 49 im Auge, also die junge Familie, weil jene der Zwölf- bis 29-Jährigen in Österreich zu klein ist. Nehmen wir die Donnerstag Nacht: Dorfer, „Kaiser“, „Willkommen Österreich“ haben alle ganz jung angefangen, mit dem Erfolg kam aber die nächste Generation dazu. Der „Kaiser“ war am Ende von den Zuschauern her doppelt so erwachsen wie am Anfang.
Laut Gesetz wird das Direktorium schrumpfen.
Lorenz: Nach den ORF-Neuwahlen wird es einen Senderchef für ORF1 und einen für ORF2 geben – unter einem Direktor. Und keine Sorge: Ich gehe wirklich im nächsten Jahr.
Der ORF bekommt heuer von der Politik 50 Millionen Euro. Zufrieden?
Lorenz: Wenn wir das Geld nicht bekommen hätten, wäre das eine Katastrophe gewesen. Aber der Hunger ist größer als das Schnitzel. Wir wollen ein Doppelbudget bis 2012 machen und ich bin zuversichtlich: Richard Grasl ist ein aus dem Programm Kommender und daher dem Programm gegenüber verständiger Mann. Ich beabsichtige, maximales Geld für das Programm zu erwirtschaften – weil das ja unser Veranstaltungszweck ist. Jetzt beginnt der Verteilkampf.
Wer wird in Ihrem Bereich profitieren?
Lorenz: Es muss genügend Geld da sein, um in die Filmwirtschaft 95 Millionen Euro pro Jahr zu investieren – das ist für heutige Verhältnisse ein ziemlicher Brocken, inklusive des Film-Fernseh-Abkommens, das von sechs auf acht Millionen erhöht wird.
Was für Sendungen werden finanziert?
Lorenz: Wir können endlich Produktionen bringen, die fertig bei uns liegen, wo wir aber kein Geld hatten, sie budgetwirksam zu senden: eine dritte Staffel „Oben ohne“ von Schwabenitzky und sein Film „Türkische Braut“, den Achtteiler „Vitasek“, eine neue Staffel „Lottosieger“. Im September leisten wir uns „Power Play“, eine aufwendige Actionshow, die wir mit Pro7 machen. Die „Helden von morgen“ starten Ende Oktober – wer moderiert, ist noch nicht entschieden. Ich wollte Mirjam Weichselbraun, aber wir machen auch „Dancing Stars“ mit ihr, das wäre dann zu viel gewesen. Wir investieren auch heftigst in die Donnerstag Nacht – unser Nugget bei den Jungen. Nicht vor Frühjahr lässt sich klären, ob der „Kaiser“ zurückkommt. „Burgenland ist überall“ mit Thomas Stipsits ist schon fertig. Mit „Indien“-Regisseur Paul Harather arbeiten wir an zwei Projekten: einer Art Wochenshow oder Scripted Reality und an „Schla-Wiener“, einem 30-Minuten-Format. Wir können „Schnell ermittelt“ fortsetzen, bringen einen fünften „Polt“ und verfilmen mit der BBC historische Wiener Krimis – Titel „Die Liebermann Papers“.
Wie wird sich das Fernsehen entwickeln?
Lorenz: Dass das Fernsehen stirbt, glaub ich nicht. Es erfindet sich vielmehr rückwärts noch einmal selbst: Die Leute wollen Fernsehen-Fernsehen, keine Fremdformate, wie es Kinofilme sind. TV-Formate gehen immer gut, Kinofilme schlecht, die kann sich heute jeder um 7,90 Euro im Supermarkt kaufen und auf DVD anschauen. Ich glaube, dass das Fernsehen auf seine eigentlichen Talente zurückfällt. Der ORF wird dazu überlegen müssen, ganze Sendestrecken an Partner zu vergeben – wie ein Bauherr, der das Bauen einer Firma übergibt und das Haus dann bei der Schlüsselübergabe wieder übernimmt, wie dies zum Beispiel bei „Okidoki“ hervorragend funktioniert. Damit wir das Talent um uns herum voll abschöpfen können – der ORF selbst kann ja im Zuge des Sparprogramms kaum noch junge Leute einstellen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2010)