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Paris

Höchste Höhen: Gaultiers Abschied und andere Couture-Höhepunkte

Blagovesta Bakardjieva zeichnet für das „Schaufenster“ seit Jahren die Haute-Couture-Kollektionen – diesmal ließ sie sich besonders von Gaultier, Chanel, Valentino und Givenchy inspirieren.
Blagovesta Bakardjieva zeichnet für das „Schaufenster“ seit Jahren die Haute-Couture-Kollektionen – diesmal ließ sie sich besonders von Gaultier, Chanel, Valentino und Givenchy inspirieren.(c) Illustration: Blagovesta Bakardjieva
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Das Modejahr beginnt mit einem Ausflug in die höchsten Höhen: In Paris zeigten ausgesuchte Maisons ihre Haute Couture für die Sommersaison.

„Pass einmal auf, ich gebe dir jetzt einen Scoop: Die Show zur Feier meines 50-jährigen Berufsjubiläums im Théâtre du Châtelet wird zugleich meine letzte sein – die letzte Gaultier-Paris-Haute-Couture-Schau.“ Damit hatten die Pariser Couture-Präsentationen ihren vorprogrammierten Höhepunkt, noch ehe sie überhaupt beginnen konnten: Jean Paul Gaultier verbreitete diesen „Scoop“ nicht ganz so exklusiv, wie es hier klingt, in einem fingierten Telefongespräch mit einer Journalistin über seinen Twitter-Account.

Der Designer, der schon seit einigen Jahren kein Prêt-à-porter mehr entwirft und seit den Achtzigerjahren als Inbegriff eines humorvoll pariserischen Modeschaffens gilt, verabschiedet sich also aus dem Olymp des Luxus. Einst war er als blutjunger Assistent von Pierre Cardin Teil einer Welt geworden, die er später entscheidend mitbeeinflusste und -prägte. Sein Karrierefinale folgte nun dem Motto „Aufhören, wenn es am besten ist“: Im Théâtre du Châtelet versammelte Gaultier Freunde aus fünf Jahrzehnten, zu denen prominente und schrille Wegbegleiter zählten. Boy George sang auf der Bühne, Dita Von Teese, Amanda Lear, Paris Jackson, Rossy de Palma und andere Showgrößen legten Gastauftritte bei seinem anthologischen Best-of-Defilee hin.



Er werde sich nicht ganz aus der Mode verabschieden – oder zumindest aus dem Kreativgeschehen in Paris –, betonte Gaultier aber nach seiner Show in einem Interview mit der beliebten Infotainment-Show „Quotidien“. Auch für seine Marke gibt es Zukunftspläne: Sie als sichtbaren Teil der Modewelt zu erhalten, dürfte ganz im Sinne des Mutterkonzerns Puig sein, der die Düfte produziert und verbreitet.

Neue Linie. Während Gaultier also das Feld räumt – zu einem Zeitpunkt, da die Marke ihre Haute Couture wohl primär als Werkzeug für die Parfumvermarktung nutzt –, beansprucht anderswo Virginie Viard immer selbstbewusster ihre Führungsposition. Nach beinah einem Jahr als Kreativchefin von Chanel hat sie, wie man vernimmt, die Zügel fest in der Hand und orientiert sich zwar wie Karl Lagerfeld stark an der Biografie von Gabrielle Chanel – sucht hier aber andere Bezugspunkte, als es ihr Vorgänger tat. In einem für das Maison überaus schlicht gehaltenen Setting inmitten des Grand Palais, das an einen klösterlichen Kräutergarten erinnern sollte, defilierten die verhältnismäßig reduzierten, durch raffinierte Details ihren Couture-Charakter offenbarenden Entwürfe Viards. Ihr wachsendes Selbstbewusstsein an der Spitze des Hauses, für das sie seit beinah dreißig Jahren tätig ist, ist eine spannende Entwicklung.

Wer anlässlich des Dior-Defilees von Maria Grazia Chiuri anfangs „more of the same“ dachte, als es feministische Slogans zu sehen gab (Chiuri schickt zur Eröffnung ihrer Prêt-à-porter-Kollektionen gern Statement-T-Shirts über den Laufsteg, die sich in der Folge als Bestseller erweisen), mochte dies sogleich überdenken: Chiuri hatte die feministische US-Künstlerin Judy Chicago eingeladen, den Showspace zu gestalten. Das tat diese, indem sie ein in den Siebzigerjahren begonnenes Konzept zu Ende brachte und eine anthropomorphe Riesenskulptur für den Garten des Musée Rodin entwarf. „The Female Divine“ war der Titel dieser Arbeit, bei der auf einer Stickerei etwa zu lesen war: „What if women ruled the world?“

Gaultier. Nach ­unglaublichen fünfzig Jahren als Teil der Pariser Modewelt sagte der Couturier zum Abschied leise „Adieu!“.
Gaultier. Nach ­unglaublichen fünfzig Jahren als Teil der Pariser Modewelt sagte der Couturier zum Abschied leise „Adieu!“.(c) REUTERS (CHARLES PLATIAU)



Chiuris Echo auf die konzeptuelle Arbeit von Chicago war eine Kollektion mit Anklängen an die klassische Antike: Eine abstrahierte Göttinnenfigur stand auch hier Pate, wobei nicht unbemerkt blieb, dass (relativ gefällige) Haute Couture sich für das Aufgreifen dieses Motivs mit gesellschaftsrelevanter Wirkungsabsicht etwas weniger eignet als feministische Konzeptkunst.

Schon längst seine Flughöhe als Teil der Pariser Haute-Couture-Welt erreicht hat Chiuris ehemaliger Kodesigner bei Valentino: Pierpaolo Piccioli ist seit Chiuris Weggang allein verantwortlich für die Kollektionen der in Rom beheimateten Marke, und er versetzt mit schöner Regelmäßigkeit Fachpresse und Valentino-Klientel in einen Zustand der Verzückung. Für die Sommersaison orientierte sich Piccioli ein wenig um und schickte nicht mehr ganz so „große“ Roben über den Catwalk (eigentlich den Parkettboden einer Zimmerflucht im Hôtel Salomon de Rothschild). Piccioli hatte die Valentino-­Silhouette zurückgefahren, skulpturaler und klarer gestaltet – wo das (allzu) Ausladende wegfiel, offenbarte sich aber umso deutlicher Picciolis Vermögen, mit Texturen und vor allem wunderschönen Farben zu spielen.

Gartenfantasien. Während Pierpaolo Piccioli sich etwas mehr in Zurückhaltung übte als sonst (Valentino, Haute Couture und Zurückhaltung im selben Atemzug zu erwähnen ist freilich etwas osé), entdeckte Clare Waight Keller bei Givenchy ihren Hang zum floral Ausladenden. Sie hatte Liebesbriefe von Vita Sackville-West und Virginia Woolf gelesen, sich außerdem vom Garten von Sissinghurst Castle, dem Familienanwesen der Sackville-Wests, inspirieren lassen: Das Ergebnis war ein Rausch der Farben und Formen – „la femme fleur“ ist in der Haute Couture seit vielen Jahrzehnten ein regelmäßig auftauchender Gast.

Wie das Maison Chanel im Grand Palais – allerdings in einem, zum Leidwesen der Couture-Kundinnen mit kühnen Absatzhöhen, nur über eine Wendeltreppe zu erreichenden Seitentrakt – zeigte der Libanese Elie Saab seine Haute Couture für den Sommer. Saab macht häufig so explizit wie wenige andere seine Inspirationen vorab zugänglich. Diesmal war von Mexiko und der Art-Déco-Periode die Rede – wie zumeist gab es aber einfach jene ultimativ luxuriöse Mode zu sehen, die sich Saabs Klientel erwartet, ohne sich lang mit der Analyse seiner Vorlagen aufzuhalten. Ähnlich sieht die Lage bei Armani Privé, der Haute-Couture-Linie von Giorgio Armani, aus: Seine Kundinnen erwarten sich eine geschmackvolle Garderobe für sehr besondere Anlässe. Das trifft auch für jene Hollywood-Stars zu, die in der ersten Reihe mögliche Roben für ihre Auftritte während der Awards-Season in den USA begutachteten. Wer wollte da noch behaupten, Haute Couture sei realitätsferne Mode. Auch wenn man sich fragen mag, in welcher Welt die typische Kundin ihr Leben fristen mag.

("Die Presse - Schaufenster", Print-Ausgabe, 14.02.2020)