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Randerscheinung

Den Frühling erspüren

(c) Carolina Frank
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Anders als das viele Osterzeug im Supermarkt kann die erste Frühlingskolumne gar nicht früh genug kommen.

Weil man genau diesen Punkt erwischen muss, wenn gerade der erste Vogel gezwitschert hat, es aber noch nicht ganz sicher ist, ob nicht nur vor lauter Kälte oder Empörung, weil das Vogelhaus schon wieder leer ist. Ist es tatsächlich schon die eine Spur später finster geworden, die den ganzen Unterschied ausmacht, oder ist man nur zufällig eine Viertelstunde früher aus dem Büro gekommen? Ist die Sonne echt schon wärmer? Erschwerend kommt hinzu, dass ich ja die Kolumne immer schon eine Woche vor Erscheinen abgeben muss, was es noch herausfordernder macht, in Sachen Den-Frühling-Erspüren nicht zu spät und nicht zu früh dran zu sein. Doch heuer stellt sich (nach 18 Grad Anfang Februar sowieso) eine ganz andere Frage: Braucht man überhaupt eine Frühlingskolumne, wenn der Winter noch gar nicht richtig da war? Weil die Schneeschaufel und der Plastikbob und das Vogelhaus samt dem Futter und das Salzsackerl für das kleine Stückerl Gehsteig vor dem Haus sind immer noch im Keller und werden sich wohl dann nächstes Jahr wundern, dass schon die Saison 2020/21 ist. Schreibe ich also jetzt die Frühlingskolumne und in zwei Wochen kommt der große Frost, dann war ich es, der es verschrien hat. Warte ich noch damit und der Winter hat einfach eine Runde ausgesetzt, dann falle ich womöglich um meine Frühlingskolumne um, die ich schon aus psychohygienischen Gründen dringend brauche. Hm, dann also so: Vögel gehört, irgendwie länger hell, geht alles schwer in die richtige Richtung. Aber ich stelle mich sicherheitshalber auf zwei urkalte Wochen (ja, auch mit Schnee) Anfang März ein. Das Winterzeug bleibt aber jedenfalls im Keller. Für fix.

("Die Presse - Schaufenster", Print-Ausgabe, 14.02.2020)