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Die Ich-Pleite

In den Büros der westlichen Welt grassiert eine neue Krankheit

(c) Carolina Frank
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Achtung: Der sogenannte „Präsentismus“ ist schwer ansteckend.

Er soll die Volkswirtschaft mehr Geld kosten als alle Unfälle, Operationen und Grippeepidemien gemeinsam. Und er ist schwer ansteckend. Präsentismus ist nämlich die Unsitte, trotz Krankheit arbeiten zu gehen. Der Hausverstand rät zwar zum Gegenteil, aber offenbar fürchtet die arbeitende Bevölkerung die nächste Kündigungswelle mehr als die nächste Grippewelle. Deshalb schleppt sie sich trotz rinnender Nase ins Büro, wo sie dann eine Bilanzkurve nicht mehr von einer Fieberkurve unterscheiden kann: Ein Verhalten, das bei Medizinern kalte Schweißausbrüche auslöst. Als verantwortungsvolle Mitarbeiterin bleibt man gefälligst zuhause! Wer weiß, ob das ­Coronavirus so weit gekommen wäre, wenn die Menschen nicht solche ­Workaholics wären.

Führungskräfte sollen übrigens mit gutem Beispiel vorangehen. Was sie auch machen. Kaum können sie vor Heiserkeit nicht mehr sprechen, ziehen sie sich nach Hause zurück. Ich fürchte nur, dass sie dann nicht ins Bett gehen. Oder sie nehmen sich ihren Laptop dorthin mit. Denn sie zeigen weiterhin Präsenz. Manche arbeiten interessanterweise im Krankenstand sogar mehr als im Nichtkrankenstand. Vielleicht weil sie endlich Zeit dafür haben. Sogar für Mitarbeiterfeedback per E-Mail: „Entwurf gelesen, Korrekturen anbei.“ Im Sinne der schnelleren Genesung des Chefs reagiert man natürlich nicht. Allerdings kommt es dann noch einmal per SMS: „Korrekturen anbei.“ Sicher kann man es dann immer noch ignorieren. Aber dann erhöht sich die Gefahr eines WhatsApp-Überfalls oder gar einer Mailbox-Überraschung: „Bitte dringend um Rückruf!“ Da hilft nur mehr die Flucht in die Krankheit. Und von dort in den Präsentismus.

("Die Presse - Schaufenster", Print-Ausgabe, 14.02.2020)