Margarete van Eyck, 1439, die Ehefrau des Malers Jan van Eyck, porträtiert von demselben. Er hatte eine Schwester gleichen Namens, die auch malte. Von der aber weder Werk noch Porträt erhalten sind.

Das Frauenthema nervt

Dauernd ist man damit beschäftigt, sich selbst zu beobachten, wie man fragt: Und wo bleiben die Künstlerinnen? Das nervt mittlerweile selbst schon mich. Hilft nur nichts.

Es passiert mittlerweile schon automatisch, und ich muss zugeben, der Reflex nervt einen mittlerweile (auch als Frau manchmal): Cherchez les femmes. Jedes Jahresprogramm eines Museums, jede Gruppenausstellung, auch jeder Lebenslauf eines männlichen Künstlers wird durchforstet – wo waren, wo sind die Frauen? Gab es welche, die vergessen, verdrängt, unterdrückt wurden? Die Antwort ist meist ja. Was nicht weniger nervt.

Selbst bei der Ausstellung über den spätmittelalterlichen Maler Jan van Eyck in Gent bemerkte man ein kollektives Atemstocken, als den versammelten Journalistinnen erzählt wird (auf deren Nachfrage allerdings erst): Ja, der Meistermaler hatte nicht nur zwei Brüder, die malten. Sondern auch eine malende Schwester. Sie hieß Margarete, wie die (nicht malende) Ehefrau. Und das einzige, was man noch über die Schwester weiß ist, dass sie unverheiratet war und im Grab eines der anderen Brüder mitbegraben wurde. Was, wenn sie auch mitmalte am Genter Altar? Wenn sie auf der Inschrift aus Bruderschaftsgründen nur verschwiegen wurde? Ist ihr Roman eigentlich schon geschrieben?

Wie anders scheint ihr Leben ausgegangen zu sein, als das der ehrgeizigen Amy in „Little Women“, gerade im Kino: Das Mädchen im England um 1850 möchte zwar Malerin werden, nicht irgendeine, sondern eine geniale. Als als sie glaubt, das nicht zu schaffen, heiratet sie aber einfach den, der sie zuvor abfällig Michelangela und Raffaela nennt. Sehr witzig. Wäre er so klug wie schön gewesen, hätte er sie Sofonisba genannt.

Das Selbstporträt der Anguissola von 1554, eines der ersten einer malenden Frau, kommt dieser Tage gerade aus dem Prado nach Wien zurück. Dort war es in der großen Ausstellung „A Tale of Two Women Painters: Sofonisba Anguissola and Lavinia Fontana“ zu sehen. Ab 25. Februar, erfährt man aus dem Kunsthistorischen Museum, hängt es wieder in der Gemäldegalerie. Ein Lieblingsbild.

Man kann darüber natürlich die Augen rollen. Auch darüber, dass dieser Jahre in den Museen weltweit die Frauen-Karte mittlerweile ein wenig penetrant gespielt wird. Da passt dazu, dass gerade in der Frankfurter Schirn die Ausstellung „Fantastische Frauen“ eröffnete, die 34 Künstlerinnen des Surrealismus vorstellt. Meret Oppenheim, Frida Kahlo, Leonora Carrington, Leonor Fini, Dora Maar kennen Sie natürlich alle. Aber den Rest? Eben. Kuratorin Ingrid Pfeiffer legt damit eine ähnliche Schatzgräber-Schau vor wie Sabine Fellner es mit der „Stadt der Frauen“ getan hat, die voriges Jahr im Belvedere die Künstlerinnen des Wien um 1900 aus dem Schatten der Kollegen holte.

Self-Portrait
Leonora Carrington, Selbstbildnis in der Auberge du Cheval d'Aube, 1937/38, Öl auf Leinwand(c) bpk | The Metropolitan Museum of (MMA)

Natürlich, das waren nicht alles verkannte Genies, weder die Surrealistinnen, noch die Secessionistinnen. So wie es auch unter den Männern der einzelnen Bewegungen bei weitem nicht nur Genies gab. Trotzdem sind einem heute auch welche aus der breiten Mittelschicht geläufig. Denn - auch nur mittelmäßige Künstler bekamen aus strukturellen Gründen (mehr männliche Sammler, Galeristen, Direktoren, Kritiker) ihre Sichtbarkeit, über Jahrzehnte, Jahrhunderte. Die Frauen nicht – in den Mühen der Ebenen verloren sich einige, fast alle.
Dass ein geschärfter Rückblick auf die Kunstgeschichte das jetzt qualitativ und quantitativ relativiert – genau dazu braucht es diese großen Frauen-Ausstellungen immer noch. Damit nachher niemand mehr sagen kann, es gab ja keine.

Dass in der Gegenwart die öffentliche Stimmung aber am Kippen ist, dass gerade in der Kulturszene die permanente Suche nach Quoten-Frauen für Preise, Stipendien oder Führungspositionen, die man dann politisch medienwirksam präsentieren kann, mittlerweile nervt - von manchen Herren Kollegen teils zurecht sogar als unverhältnismäßige Bevorzugung wahrgenommen wird - sollte man mitbedenken. Damit wird ein künstlicher Spalt geschaffen zwischen Schein und Realität. Denn in besagter mühevollen Ebene (Galerien, Sammlungen in der Kunst, aber auch Bildschirm- und Bühnenpräsenzen in TV, Film und Theater, von manchen Musikstilen gar nicht erst zu reden) ändert sich bei der Chancenfleichheit trotzdem nur langsam etwas. Sorry to say.