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Konzert

Seelenstürme und Jubelgezwitscher im Musikverein

Begeisterung für Julia Lezhneva und das Venice Baroque Orchestra.

„Agitata da due venti“: Von zwei Stürmen gepeitscht tobt die Welle im wogenden Meer, heißt es im Text – und man könnte selbst seekrank werden bei den weiten Sprüngen und endlosen Koloraturgirlanden, mit denen Vivaldi die Gischt malt. Aber natürlich ist es in Wahrheit seelischer Aufruhr, den er hier in der Bravourarie der Costanza aus seiner Oper „Griselda“ komponiert, Pflicht und Neigung toben. Julia Lezhneva lotet die Nummer heute, 30-jährig, mit fülligerer Mittellage und generell höherer dramatischer Kraftentfaltung aus als noch vor ein paar Jahren: Dass die russische Sopranistin ihre steile Karriere als blutjunge Wettbewerbssiegerin gestartet hat, macht einen solchen Vergleich möglich. Dort und da mag sich ein Hauch von Härte in den Klang geschlichen haben, etwa auch in einer Arie der zürnenden Agrippina aus Grauns „Britannico“ – ihrer stupenden Koloraturtechnik und damit ihrem Ausdrucksfuror tut das keinen Abbruch. Oder ihrer Fähigkeit zum schwebenden Pianissimo: Spätestens in der ersten Zugabe, „Tu del ciel ministro eletto“ aus Händels „Trionfo del tempo“, bewies sie das – bevor sie in „Son qual nave“ (Riccardo Broschi) wieder virtuose Apnoetauchgänge in nautische Gefühlstiefen unternahm.