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Mein Freitag

Pünktlich ist der Anfang der Verspätung

Zeit ist für jene ein Thema, die damit nicht großzügig umgehen können.

Die Vögel haben in der Früh gezwitschert, so vergnügt und zahlreich, als wäre man in einer lieblichen ländlichen Umgebung und nicht etwa mitten in der Stadt. Egal, wo man ist, es ist zu früh zum Aufstehen. „Ich bin vom Vogelgebrüll wach geworden“, hat mein Deutschlehrer einmal gesagt, worauf wir Schüler ihn leicht empört darauf hinwiesen, dass „Vögel singen, Herr Professor!“ „Meine brüllen“, hat er dann gesagt und sein Gesicht verzogen, und ich muss immer noch darüber lachen.

Diese eine Stunde, die man zu früh aufwacht, bevor der Wecker losgeht, kann Geschenk sein, aber auch Last. Es hängt davon ab, ob die Gedanken schon munter geworden sind und ob sie zwitschern oder brüllen. Ob man sich freut, noch ein bisschen Zeit zu haben oder sich stresst, weil sie vielleicht nicht genützt wird. Zeit ist für jene ein Thema, die damit nicht großzügig umgehen können. „Du bist ein pünktlicher Mensch, der immer zu spät kommt“, hat eine Freundin einmal knapp festgestellt, als ihr die Erklärungen zu weitschweifig waren, warum eine vereinbarte Zeit nicht eingehalten werden konnte.

Man ist damit nicht allein. Freizeit mit einem genau definierten Ende ist nicht einfach einzuhalten. Die paar Stunden in einer fremden Stadt vor Abfahrt des Zugs, sie beengen mehr als sie beglücken. Deshalb sind die wenigen guten Cafés in der Nähe von Bahnhöfen immer so gut besucht. Hier sitzen alle jene, die eigentlich noch eine Ausstellung besuchen wollten oder einfach nur ein wenig herumwandern. Der ständige Blick auf die Uhr ist wie der tropfende Wasserhahn schwer auszuhalten: Lieber eine Zeitung lesen in der Nähe des Bahnsteigs, als den Zug zu verpassen.

Die Gegend bleibt eh ziemlich gleich jedes Jahr, hat einmal einer gesagt, nur man selbst nicht.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2020)