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Neues Buch

Ein Bezirk mit acht Ortsteilen

Ferdinand Opll „Liesing“ Edition Winkler-Hermaden 180 Seiten, 182 Abbildungen 29,90 Euro
Ferdinand Opll „Liesing“ Edition Winkler-Hermaden 180 Seiten, 182 Abbildungen 29,90 Euro
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Der Stadtarchivar Opll hat ein opulentes Heimatbuch gestaltet.

Liesing, der 23. Bezirk Wiens, hat zwar eine relative SPÖ-Mehrheit in der Bezirksvertretung, aber so dominant wie im vorliegenden Heimatbuch sind die Sozialdemokraten auch wieder nicht. Es wird wohl einen Grund geben, wenn der pensionierte Wiener Stadtarchivar Ferdinand Opll dem – hervorragend illustrierten – Werk den „richtigen“ Spin verleiht.

Genug der Kritik. Opll hat Bildmaterial ausgewählt, das es lohnt, genauer hinzuschauen: Die acht Orte Atzgersdorf, Erlaa, Inzersdorf, Kalksburg, Liesing, Mauer, Rodaun und Siebenhirten werden umfänglich dargestellt, von ihrer frühesten Besiedlungsgeschichte bis in die Jetztzeit. Die 188 ausgewählten Abbildungen zeigten trotz all den inzwischen eingetretenen Veränderungen im Stadtbild erstaunliche Konstanten und ein frappantes Beharrungsvermögen, meint der renommierte Stadthistoriker Opll. Darin wird der 23. Bezirk – erst 1938 entstanden – zwar keine Ausnahme sein, aber es ist spannend zu sehen, wie sich acht früher eigenständige Ortschaften zu einem Gesamtbild runden.

 

Ein Juwelier als Sponsor

Als gutes Beispiel diene etwa Kalksburg. Die Jesuiten hatten hier großen Grundbesitz, 1773 hob Kaiser Josef II. den Orden auf, erst 1814 konnten die Ordensbrüder die noch heute bestehende Schule eröffnen, die als Kollegium Kalksburg einen klingenden Namen führt. Schon 1898 erteilte man ihm das Öffentlichkeitsrecht. Bedeutung erlangte aber ein spezieller Wohltäter des landwirtschaftlich armen Ortes: Der Hofjuwelier Franz von Mack. Er stiftete nicht nur eine Kirche, sondern auch ein Dorfwirtshaus und eine Schule. Der Torbogen, der die Breitenfurter Straße überwölbt, ist ein steinerner Zeuge jener Zeit.

Älter noch ist der Ort Liesing, dessen Name erstmals 1002 in einer Schenkung an den babenbergischen Markgrafen Heinrich erwähnt wird. Hier gab es Weinbau, man nutzte bald die Wasserkraft des Liesingbaches. 1529 und 1683 hatte der Ort wie viele andere schwer unter dem Wüten der osmanischen Soldateska zu leiden. Doch man rappelte sich wieder hoch.

 

Die Brauerei

Die 1828 gegründete Brauerei sollte den Namen Liesing über die Grenzen hinaus bekannt machen. 1898 wurde von den damaligen Stararchitekten Fellner & Helmer ein Turm auf dem Brauereigelände errichtet, welcher das Wahrzeichen der Brauerei wurde. Die Liesinger Brauhaus-Restauration mit einem großen Tanzsaal war jahrzehntelang ein beliebtes Ausflugslokal der Liesinger.

Freilich war allen acht Bezirksteilen einst die mühsame Erreichbarkeit gemeinsam. Ein Stellwagen aus Wien war das höchste der Gefühle, Mauer etwa wurde erst 1883 mit einer Dampftramwaylinie an Hietzing und Perchtoldsdorf angebunden. 1923 wurde auf einer großen Liegenschaft an der Speisinger Straße das Filmatelier Rosenhügel eröffnet. Zwei Hallen dieser einst weltweit berühmten Filmfirma stehen heute noch (Denkmalschutz).

Bemerkenswert ist ein Foto von der Freiwilligen Feuerwehr Rodaun. Es ist der 28. Juni 1914, und weiß gekleidete Jungfrauen und uniformierte Feuerwehrler feiern das 40-Jahr-Gründungsfest in der Hochstraße. Ein heller sonniger Tag. Niemand kann erahnen, dass nur wenige Stunden nach diesem Schnappschuss die Schreckensnachricht aus Sarajewo das Land geradewegs in Schock versetzen wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.02.2020)