Doku-Soap: Von Zahlenmystik und Geldanlage

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Im letzten Teil der Familiensaga aus Moskau sinniert Boris über den russischen Alltag zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Außerdem wollen Poljas Eltern ihr Erspartes in Österreich investieren.

In einem Land, in dem die Gegenwart noch auf keine stabile Zukunft schließen lässt, wird der Traum von ihr allgegenwärtig. In diesem Sinne ähnelt unsere Moskauer Jungfamilie, die wir nun schon seit über einem Jahr begleiten, durchaus ihrem Staatspräsidenten Dmitrij Medwedjew. Unentwegt malt dieser das Bild eines neuen und modernen Russland, in dem sich nicht nur die eigenen Leute gemäß ihren Wünschen entfalten können, sondern sich auch Ausländer auf der Suche nach Selbstverwirklichung hingezogen fühlen sollen. Wie Medwedjew, so spricht unsere Jungfamilie liebend gern von Plänen, entwirft Szenarien, wechselt in Gedanken die Arbeit und in einem Aufwasch gleich auch noch den Wohnort, wenn nicht gar das Land.

Sofern man aber als Wirklichkeit das versteht, was gegenwärtig auch Sache ist, so hängen Boris und Julia doch wieder sehr am Hergebrachten. Im Unterschied zu unseren Vergleichsfamilien in anderen Erdteilen haben die beiden in letzter Zeit weder die Arbeit gewechselt, noch sind sie weggezogen. Und auch für das fünfjährige Töchterchen Polja, die ihre Großmutter auf deren Wunsch hin Tanja nennt, damit diese sich nicht so alt fühlt, hat man – sogar ohne Bestechungsgeld – gleich um die Ecke einen Kindergartenplatz für diesen Herbst gefunden.

Mythen über Russland. Zum Abschluss unserer Serie treffen wir das Moskauer Ehepaar beim „Aserbaidschaner“, ihrem Lieblingslokal in der Nähe der Lomonossow-Universität im Westen der Stadt. Die Anlage hat den Charakter eines türkischen Mittelklassehotels. Rechnen kann sich der Laden nicht, auf jeden Gast kommt ein Kellner.

Da sich Julia um Stunden verspätet, kommt diesmal auch Boris mehr zu Wort. Gewöhnlich cool und mit den neuen Applikationen auf Computer und Mobiltelefonen beschäftigt, sinniert der 42-jährige Immobilienmakler wider Erwarten über seine Stadt und sein Land. Nicht, dass er sich hier nicht wohlfühle, sagt er, jedenfalls fühle er sich „nicht unwohl“. Und überhaupt würden zu viele Mythen über Russland kursieren: „Nimm das Beispiel Ökologie“, sagt er: „Ob das nicht ein wenig aufgebauscht ist? Ich empfinde es hier in Moskau als nicht so schlimm. Ich bin ohne Husten aufgewachsen.“

Aber auch Boris ist nicht sorgenfrei. „Die Sicherheit, der Rechtsstaat und die Menschenrechte“, sagt er, „das sind Fragen, die beschäftigen“. Der Kellner serviert Adscharuli Chatschapuri, eine mit Spiegelei belegte Spielart der leckeren georgischen Käsepizza. Boris' Leibspeise hellt seine Miene kurz auf. „Anspruch und Wirklichkeit klaffen wohl überall auf der Welt auseinander“, meint er. „Aber die Kluft ist bei uns hier eben größer.“ Die Spielregeln würden fehlen: „Wir haben keine europäische Gesellschaftsordnung. Es ist eher ein wenig orientalisch.“

So zum Beispiel auch beim Aberglauben oder in der Zahlenmystik. „Furchtbar“, keucht Julia, die sich nach Stunden dazugesellt: Eben habe sie ein Auto mit dem Kennzeichen „666“ gesehen: „Das kann nur Unheil bringen.“

Auch dass Julia an diesem Wochenende in Moskau ist, sei durch schlechte Vorzeichen bedingt. Eigentlich sollte sie nach Paris zu Freunden fliegen. Aber ihre Moskauer Bekannten, die sich mit Astrologie beschäftigen, hätten ihr vom Flug nach Frankreich dringend abgeraten: „Er hätte unter keinem guten Stern gestanden“, sagt sie. Und weil Julia, die Werbefachfrau, Astrologie eigenen Worten zufolge für eine Wissenschaft im akademischen Sinn hält, hat sie sich eben daran gehalten.


Wohnungssuche in Österreich. Dass Julia ihre Arbeit längst wechseln will, weil sie sich als Enddreißigerin für die Werbebranche zu alt wähnt, ist mittlerweile bekannt. Selbst die Tatsache, dass sie soeben mit der Werbelinie für eine große westliche Bank in Russland reüssiert hat und ihre Print-Werbeschaltungen bei zwei einschlägigen Wettbewerben eingereicht wurden, ändert nichts am Wunsch nach Veränderung in Richtung Dokumentarfilm oder Ähnliches.

Dass aber auch Boris „durchaus etwas anderes tun möchte“, wie er sagt, hat er bisher verschwiegen. 18 Jahre in der Immobilienbranche reichen offenbar, zumal in der derzeit instabilen Wirtschaftslage eben wieder drei Deals geplatzt sind. „Allein mir fehlt eine Idee für einen neuen Beruf.“ Stattdessen ist den beiden eine für die Geldanlage gekommen: Boris und Julia wollen nach modernem russischen Sprachgebrauch „das Risiko diversifizieren“ – und haben mit der Suche nach einer kleinen Wohnung in Österreich begonnen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2010)

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