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Literatur

Ein Roadmovie mit Urne: „Marianengraben“

Jasmin Schreiber (Jahrgang 1988) arbeitet ehrenamtlich als Trauerbegleiterin. Auch in ihrem Debütroman geht es ums Sterben.
Jasmin Schreiber (Jahrgang 1988) arbeitet ehrenamtlich als Trauerbegleiterin. Auch in ihrem Debütroman geht es ums Sterben.(c) Jasmin Schreiber
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Eine Studentin, die um ihren kleinen Bruder trauert und ein alter Mann, der die Asche einer Freundin ausgegraben hat, gehen auf Reisen. Jasmin Schreibers „Marianengraben“ bezaubert.

Paula spricht mit ihrem Bruder. Am liebsten über seine größte Leidenschaft, die Tiefsee. Über all die unentdeckten, seltsamen Tiere, die sich in dunklen Tiefen wie dem Marianengraben wohl bewegen. Und darüber, welches wohl einmal nach ihm benannt werden würde. Der Tim-Fisch müsste das dann sein. Allein, ihr Bruder ist nicht mehr am Leben. „Der Tim ist tot“, hatte die Mutter am Telefon gesagt. Ertrunken im Meer, irgendwo vor Mallorca.

Paula spricht weiter mit Tim. Immer wieder. So innig war ihr Verhältnis. Und plötzlich ist er nicht mehr da. „Wäre Sehnsucht eine olympische Disziplin, ich hätte längst Gold geholt“, denkt sie. An seinem Grab war sie seit der Beerdigung aber nicht mehr. Weil sie nicht akzeptieren will, dass der Friedhof jetzt seine Adresse ist. Und weil sie sich dort nicht wohlfühlen würde. Unter all den anderen Besuchern. „Sie könnten versuchen, zu einer Zeit zu gehen, wenn niemand da ist“, meint ihr Therapeut.

Und so packt sie eines Nachts die Trittleiter, fährt zum Friedhof und klettert über die Mauer. „Tim: Abenteurer, Meeresforscher, weltbester Schwimmer, Bruder und Sohn“ steht auf dem Grabstein. Doch auf ihr „Hi“ kommt keine Antwort. Kein „-fisch“, wie er sonst immer gesagt hätte. Dafür hört sie etwas anderes. „Verfluchte Scheiße“, schreit jemand. Und plötzlich ist da ein alter Mann mit einer Schaufel.

Eine gemeinsame Reise. „Ich hole eine Freundin ab“, sagt er. Und gräbt mit Paulas Hilfe eine Urne aus. Als dann Stimmen zu hören sind, offenbar die Friedhofswärter, fliehen die beiden. Es sollte der Beginn einer gemeinsamen Reise zweier ungleicher Charaktere werden: Paula, die unsichere junge Studentin mit Hang zur Depression und immer wieder Todesgedanken; und Helmut, der eher wortkarge, alte Mann, der mit einem Wohnmobil und der Urne einer Frau namens Helga noch eine Mission vor sich hat.

Es hat etwas von einem Roadmovie, wie die beiden quer durch Deutschland fahren, hinunter in die Alpen bis nach Italien. Mit tragikomischen Einschüben: Immer wieder geraten sie aneinander. Sie nervt, dass er viele Dinge einfach nicht erzählt. Ihn nervt, dass sie ständig weint. Und nicht nur einmal bereut man, dass man sich gemeinsam auf den Weg gemacht hat. Wohin auch immer, denn ganz klar ist das Reiseziel nicht.

Doch es wäre kein Roadmovie, wenn die beiden im Lauf der Reise nicht näher zueinander fänden. Was sie verbindet, wie sie schon am Friedhof erkannt haben, das ist das Verarbeiten eines großen Verlusts. „Wenn Trauer eine Sprache wäre“, bemerkt Paula dann auch, „hätte ich jetzt zum ersten Mal jemanden getroffen, der sie genau so flüssig sprach wie ich, nur mit einem anderen Dialekt.“

Autorin Jasmin Schreiber arbeitet selbst ehrenamtlich als Trauerbegleiterin. Sie fotografiert Sternenkinder, also Kinder, die tot auf die Welt gekommen sind. Und betreibt einen Blog über das Sterben. Mit dem Tod, mit der Trauer und all den Erscheinungen rundherum ist sie vertraut. Und sie schafft es, all das in ein liebevolles und hoffnungsfrohes Gewand zu verpacken.

Und nicht nur das. Sie geht das Thema auch mit Leichtigkeit und Sprachwitz an. Was auch zu den teilweise skurrilen Situationen passt, in die die Protagonisten immer wieder geraten. Wenn sich etwa bei der Flucht über die Friedhofsmauer die Urne öffnet – „und ich war über und über mit Helga bestreut“. Dann blitzt in all der Dunkelheit des Trauerns ein Lachen hervor. Es darf wehtun. Aber am Ende der Lektüre stehen schöne Gefühle: Hoffnung, Freude, Geborgenheit.

(c) Eichborn Verlag

Neu Erschienen

Jasmin Schreibe
„Marianengraben“

Eichborn Verlag, 256 Seiten, 20,60 Euro

Erscheint am 28. Februar

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2020)