15 Jahre lang hat der unbeugsame Alfred Treiber Ö1 geleitet, den Radiosender für Fortgeschrittene. Jetzt geht der Chef in Pension. Und sorgt sich um die Nachfolge.
Hoffentlich muss sich Alfred Treiber nicht übergeben, wenn er im Laufe der Woche den Chefposten bei Ö1 übergeben muss. Bereits im April 2009 hat Treiber im Interview mit der „Presse“ geahnt, dass ihn Ende Juni 2010 die von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz losgetretene Pensionierungslawine, die bald auch schon die Jahrgänge 1953 (männlich) oder gar 1958 (weiblich) erfasst, treffen wird. Treiber (66) damals: „Und wenn ich höre, dass die ÖVP sagt, wenn es einen roten Hörfunkdirektor gibt, muss es einen schwarzen Ö1-Chef geben, dann kommt mir das Speiben. Ich möchte keine politischen Debatten um meine Nachfolge haben.“
Das Unwohlsein hat Treiber auch noch Ende Juni 2010. Im Interview mit dem „Standard“ (Freitagausgabe) sagte er: „Vor allem spielen politische Entscheidungen eine Rolle. Ich habe gesagt, wenn das eine politische Entscheidung wird, dann speib' ich mich an.“ Der Ö1-Chef bevorzugt eine ungewöhnliche Lösung. Für ihn wäre sein Marketing-Chef Clemens Kopetzky der richtige Nachfolger.
Für die internen Hearings am vergangenen Donnerstag war aber Bettina Roither die Favoritin, die bisherige Radio-Chefredakteurin, die für die politisch dominierten Journale zuständig ist. In ihrer Jugend arbeitete sie für FPÖ-Chef Norbert Steger. Den heutigen Freiheitlichen scheint sie nicht zugetan. Dafür macht sich die SPÖ für Roither stark, während die ÖVP Ulrike Wüstenhagen bevorzugt. Sie leitet bei Ö1 äußerst kompetent die Stabsstelle Koordination und Administration.
Politisch austariert. Welche der Powerfrauen oder welcher männliche Außenseiter sich durchsetzt, hängt auch von anderen Posten ab. Denn entschieden wird bei staatsnahen Betrieben meist in einem Bündel genehmer und politisch austarierter Personalfragen. Das braucht brutale Koordination. Treiber wird vielleicht mehrere Gründe zum Übergeben haben, die weit hinüber ins Fernsehen reichen.
Bleiben wir aber bei Ö1. Die Treiber-Story ist eine Erfolgsstory. Sein Sender zählt noch immer zu den Wundern der Medienwelt. 9,5 Prozent Tagesreichweite sind für ein Radioprogramm mit hohem kulturellen Anspruch sensationell. Da darf man einmal persönlich werden: Wenn es einen Grund gibt, die im Vergleich zu anderen Ländern fantastisch hohen Gebühren für öffentlich-rechtlichen Rundfunk ohne Murren zu bezahlen, dann liegt der bei Ö1. Von den monatlich knapp 24 Euro für den ORF gebührten nach Einschätzung des Mediators gefühlte 20 Euro der Treiber-Mannschaft, drei Euro FM4 und der Rest den Resten an TV-Kultur in ORF1 und ORF2. Alles andere müsste sich durch Werbung finanzieren lassen. Aber auf dem Küniglberg rechnet man mit anderen Quoten, und entsprechend politisch ist meist auch seine Personalpolitik.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2010)